{"id":1034,"date":"2023-03-06T05:25:30","date_gmt":"2023-03-06T05:25:30","guid":{"rendered":"https:\/\/tdhj.org\/?p=1034"},"modified":"2023-03-06T05:25:30","modified_gmt":"2023-03-06T05:25:30","slug":"deutscher-zollverein-egks-eu-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tdhj.org\/de\/post\/deutscher-zollverein-egks-eu-1\/","title":{"rendered":"Vom Deutschen Zollverein zum Europa der B\u00fcrger"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-foo\"><strong>Abstract:<\/strong> Vor \u00fcber 70 Jahren kam es zum ersten Schritt der europ\u00e4ischen Vereinigung. Dieses Jahr j\u00e4hren sich die \u00c9lys\u00e9e-Vertr\u00e4ge zum 60. Mal. Sie sind und waren nicht nur v\u00f6lkerrechtlich bedeutsame Vertr\u00e4ge, sondern sind das Fundament strategieorientierter europ\u00e4ischer Einigungspolitik. Ohne die <em>Europ\u00e4ische Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl<\/em> (EGKS) w\u00e4re es vermutlich nicht zu der heutigen EU mit all ihren integralen Institutionen und dem gr\u00f6\u00dften Wirtschaftsraum weltweit gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-db68g\"><strong>Problemdarstellung: <\/strong>Wie ist die EGKS im Lichte der Geschichte zu verstehen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-2k02c\"><strong>Bottom-up-line-front: <\/strong>Die EGKS ist ohne Zweifel nicht nur auf der Grundlage einer friedensstiftenden Idee entstanden, sondern um nach dem Zweiten Weltkrieg wieder wirtschaftlichen Aufschwung und \u00f6konomisches <em>Know How<\/em> weltweit zu erlangen und damit auch strategisch auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik europ\u00e4ische Akzente zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-7k6op\"><strong>Was nun?:<\/strong> Gerade in der derzeitigen Krise der EU, sowohl innerhalb der Institution als auch au\u00dferhalb, ist es von immanenter Bedeutung sich bewusst zu machen, wie diese Regional-Organisation entstand und unter welchen Bedingungen man nach dem Zweiten Weltkrieg wieder international Fu\u00df gefasst hat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-1215\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/firstimg-deutscher-zollverein-egks-eu-1-1024x395.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Source: shutterstock.com\/frantic00<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"viewer-phv9\" class=\"wp-block-heading\">Ein &#8222;physikalischer Urknall&#8220;<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5s3fe\">Helmut Kohl, als einer der Architekten der Europ\u00e4ischen Union (EU), sagte im Jahre 1997 im Rahmen einer Grundsatzrede zur \u201eVision Europa\u201c, Konrad Adenauer habe bereits 1951 vor der beratenden Versammlung des Europarates festgestellt, dass der Wunsch der europ\u00e4ischen V\u00f6lker darin bestehe ihr Schicksal gemeinsam und mit vereinter Kraft zu organisieren. Somit sei die europ\u00e4ische Vereinigung ein Prozess im Sinne eines physikalischen Urknalls und liege damit vollkommen auf der Linie der europ\u00e4ischen Tradition, weil die europ\u00e4ischen Staaten immer schon gemeinsam versuchten sich \u00f6konomisch zu wandeln.[1]<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"viewer-b39nr\" class=\"wp-block-heading\">Der Deutsche Zollverein<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-ekttk\">Wie weit diese historischen Traditionen zur\u00fcckreichen, zeigt sich bereits in der Konstituierung des Deutschen Zollvereins zwischen 1834 und 1848\/49.[2] Dieser wirtschaftspolitische Verbund kann als eine der Grundlagen der sp\u00e4teren europ\u00e4ischen, wirtschaftspolitischen Einigung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges angesehen werden. Friedrich List erkannte nach der Indizierung des deutschen Zollverbundes, dass hierdurch die industrielle Revolution, aber auch der Handel und die Landwirtschaft, prosperierten.[3] So war die Industrialisierung des Deutschen Bundes \u2013 wie sp\u00e4ter auch der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft (EG) \u2013 mit den politischen Transformationen des Bundes verbunden. Sicher ist allerdings auch, dass der Zollverein als wirtschaftspolitische Union zun\u00e4chst keinesfalls in der Lage war den globalen Handel in seinem Sinne sofort umzugestalten, was eben auch das Massenelend der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts erkl\u00e4rt, und damit auch zu den Revolutionen zum Ende dieser Jahrzehnte f\u00fchrte.[4]<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Dieser wirtschaftspolitische Verbund kann als eine der Grundlagen der sp\u00e4teren europ\u00e4ischen, wirtschaftspolitischen Einigung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges angesehen werden.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-ak4k4\">Schon der Deutsche Zollverein war in der Lage tarifpolitische Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, welche die internationale Konkurrenz in einen schwierigen Wettbewerb trieb und dies insbesondere in der Eisen- und Stahlindustrie. Es war sowohl im 19. wie im 20. Jahrhundert die britische Stahlindustrie, die so unter Zugzwang geriet.[5] Letztlich war im 19. Jahrhundert bereits der \u00f6konomisch-zollpolitische Pfad angelegt, der in der Mitte Europas zum industriellen Fortschritt f\u00fchrte, welcher dann gerade im Bereich der Eisen- und Stahlproduktion nach den Kriegsereignissen Mitte des 20. Jahrhunderts wieder aufgenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"viewer-2b9ac\" class=\"wp-block-heading\">Zollpolitik im 19. und 20. Jahrhundert<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-ahl83\">Unbestritten ist auch, dass durch die Zollpolitik als Teil der Handelspolitik andere Bereiche des \u00f6konomischen Daseins mitgezogen wurden. Dies galt insbesondere f\u00fcr den landwirtschaftlichen Sektor. Auch hier geriet in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts der Agrarsektor Gro\u00dfbritanniens gegen\u00fcber jenem des Deutschen Bunds ins Hintertreffen. Mit Sicherheit hatte der Zollverein in der Mitte Europas, wie sp\u00e4ter die Europ\u00e4ische Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl (EGKS), nicht nur wirtschaftliche Folgen, sondern ebenfalls fiskalische. Dies war mit auch ein Grund, warum die deutschen Bundesstaaten, genauso wie sp\u00e4ter die Republik Frankreich und Westdeutschland, diese Verbindung eingingen.[6] Die Staatseinnahmen wurden dadurch bef\u00f6rdert. Dies f\u00fchrte selbstverst\u00e4ndlich auch zu einer Harmonisierung der Wirtschafts- und Steuergesetzgebung, die die sp\u00e4tere Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) leider nur im Bereich des \u00d6konomischen materlialisierte.[7]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-315ed\">Es war bereits beim Deutschen Zollverein so, dass diese Verbindung der 36 Bundesstaaten dazu f\u00fchrte, dass der globale Handel transformiert wurde, n\u00e4mlich durch die Aufl\u00f6sung der \u00f6konomischen Regression in der Mitte Europas. Hierzu wurde auch eine neue Form des wirtschaftspolitischen Vertrauens unter den Mitgliedern dieser Union geschaffen, wie dann auch sp\u00e4ter bei der EGKS. Die Integration anderer Nationen in Freihandelssystem verlief dabei nicht immer reibungslos, was die Handels- und Schifffahrtsvertr\u00e4ge zwischen dem Deutschen Zollverein und Griechenland wie dem Osmanischen Reich 1839\/40 deutlich machen, denn es war gerade die Seemacht Gro\u00dfbritannien, die wenig daran Interesse hatte, dass eine neue Handelsmacht sie im Mittelmeerraum l\u00e4ngerfristig verdr\u00e4ngte. Dies verz\u00f6gerte die Vertr\u00e4ge mit diesen M\u00e4chten.[8] Selbiges l\u00e4sst sich f\u00fcr die EGKS und deren Nachfolgeorganisation EWG bis zum heutigen Tage in noch komplexerer Form ebenfalls feststellen. Es waren gerade die Niederlande, die aufgrund ihrer au\u00dfenwirtschaftlichen Orientierung dem Zollverein die Tore zum Welthandel \u00f6ffnen sollten, n\u00e4mlich mit dem Handelsvertrag von 1839. Es waren zun\u00e4chst auch die Benelux-Staaten, die mit Westdeutschland den Freihandel zur Mitte des 20. Jahrhunderts zur vollen Entfaltung bringen sollten.[9] Selbstverst\u00e4ndlich sind solche Zusammenschl\u00fcsse auch mit Interessen verbunden und jeder Gliedstaat eines solchen Verbundes will nat\u00fcrlich von diesem auch profitieren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Es waren gerade die Niederlande, die aufgrund ihrer au\u00dfenwirtschaftlichen Orientierung dem Zollverein die Tore zum Welthandel \u00f6ffnen sollten, n\u00e4mlich mit dem Handelsvertrag von 1839.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-7q4ua\">Schon der Deutsche Zollverein begann bei seiner Gr\u00fcndungsphase 1818 nach einem Mittelweg zu suchen, sodass man bei dieser wirtschaftspolitischen Institution von einer liberalen Konstitution sprechen kann, wie man dies auch bei der EGKS festzuhalten vermag.[10] Die Schutzfunktionen des Zollvereins lagen \u2013 wie bei der EGKS \u2013 letztlich auch im Abwehren der Nachteile bei der gewerblichen \u00d6konomie.[11] Dies lag letztendlich auch an den Gro\u00dfhandelspreisen und dem damit verbundenen Versuch diesen \u00f6konomisch zu drosseln. Es waren die sozio\u00f6konomischen als auch politischen Distributionen des Protektionismus, die zu den revolution\u00e4ren und dann reaktion\u00e4ren Ver\u00e4nderungen und Wandlungen der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts f\u00fchren mussten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-eae8f\">Genau dies erkannten die Architekten der EGKS. Nicht der Protektionismus ist der Weg zur\u00fcck zum wirtschaftlichen und vor allem internationalen Aufschwung, sondern die \u00f6konomische und industrielle Freiheit des Wettbewerbs f\u00fchrt zur \u00f6konomischen Erweiterung und zum Gewinn.[12] Es war also schon aus der Wirtschaftshistorie betrachtet ein Widerstreit im Grundsatz zwischen Schutzzoll- und Freihandelspolitik, zwischen industriellen Fortschritt einerseits und dem stockenden Prozess des gesellschaftlichen und verfassungsrechtlichen Ver\u00e4nderns andererseits.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Nicht der Protektionismus ist der Weg zur\u00fcck zum wirtschaftlichen und vor allem internationalen Aufschwung, sondern die \u00f6konomische und industrielle Freiheit des Wettbewerbs f\u00fchrt zur \u00f6konomischen Erweiterung und zum Gewinn.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-cdmfq\">Schon Friedrich List erkannte 1841 in seiner fundamentalen Schrift: \u201eDas Nationale System der politischen \u00d6konomie\u201c, dass nur der freie globale Handel nicht nur die Einheit Deutschlands bef\u00f6rdere, sondern, und dies ist eine wesentliche Feststellung, auch den internationalen Handel befl\u00fcgeln w\u00fcrde. Die globale Arbeitsteilung w\u00fcrde, so List weiter, auch dazu f\u00fchren, dass zum einen eine gewisse Erziehungstendenz zur Industrialisierung und gesellschaftlichen Fortentwicklung kommen w\u00fcrde, zum anderen k\u00f6nnten hierdurch Kostenvorteile entstehen, welche die Arbeitslosigkeit gro\u00dfenteils ad absurdum f\u00fchren k\u00f6nnte.[13]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-dlt4j\">Beide Argumente drehten nicht nur die malthusianische These des 16. Jahrhunderts um, sondern sie waren auch die Grundlage daf\u00fcr, dass die EGKS ihre Wettbewerbsvorteile vergleichsweise schnell nutzen konnte.[14] Der Zollverein war, wie dann auch bei der EGKS, nicht nur die Zusammenf\u00fchrung einzelner Gliedstaaten mit differenzierten kulturellen Eigenschaften. Vielmehr muss insbesondere die Gewinnung parlamentarischer Strukturen hervorgehoben werden. Ohne die Institutionalisierung industrieller und fiskalischer Strukturen w\u00e4re die parlamentarische Entwicklung Europas und insbesondere dann auch der EG gar nicht denkbar gewesen.[15]<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"viewer-2efbq\" class=\"wp-block-heading\">Nationalstaaten sollten die Souver\u00e4nit\u00e4t behalten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-1dc4c\">Somit ist auch die EGKS ein Bestandteil fortw\u00e4hrender Diskurse. Sei es, dass diese Institution der Vorl\u00e4ufer eines Staatenverbundes darstellte, sei es, dass sie die Basis eines Europas der B\u00fcrger sei, oder aber, dass die Beh\u00f6rden von Anfang die Leitlinien dieser Organisation bestimmt h\u00e4tten.[16] Dabei ist die Debatte um die europ\u00e4ische Politik eher zielf\u00fchrend, so Erwin Teufel (ehemaliger Ministerpr\u00e4sident Baden-W\u00fcrttembergs), J\u00fcrgen Habermas und Jean-Claude Junker (ehemaliger Kommissionspr\u00e4sident), wenn man wie einst schon Friedrich List und sp\u00e4ter Briand von einem Europa der B\u00fcrger spricht und denkt. Denn so war auch zun\u00e4chst die EGKS erdacht, n\u00e4mlich, dass die Nationalstaaten die Souver\u00e4nit\u00e4t behalten und dann bestimmte Politikfelder in sich in Beschl\u00fcssen parlamentarischer Natur zusammenf\u00fchren.[17]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5mi7t\">Es waren und sind bis heute die Staaten, welche die Spielr\u00e4ume haben die europ\u00e4ische Einheit seit dem Bestehen der EGKS zu beschleunigen oder zu bremsen. Eine rein institutionelle Variante, die J\u00fcrgen Habermas oder Emmanuel Macron forcieren, erscheint als schwierig. Das Ziel besteht nun einmal darin seit Bestehen der EGKS auf den europ\u00e4ischen Traditionen, wie Erhaltung des Friedens und insbesondere die Erhaltung der Menschenw\u00fcrde und der F\u00f6rderung des Wohlstandes der Bev\u00f6lkerungen in Europa aufzubauen.[18] Es ging nach dem Wirtschaftshistoriker B\u00fchrer Anfang der 50er Jahre eben auch um Effizienz und den Sachzw\u00e4ngen zu Beginn des Kalten Krieges die Eisen- und Stahlindustrie wieder in den Wirtschaftskreislauf einzubringen, um auch wieder einen gesamteurop\u00e4ischen Aufschwung zu erm\u00f6glichen.[19] Es ist daher kaum m\u00f6glich, wie Habermas und Macron es immer wieder betonen, dass dies nur \u00fcber Institutionen verlaufen k\u00f6nne. Es bedarf, gerade im 21. Jahrhundert, eines gesamteurop\u00e4isch-gesellschaftlichen Konsens, dass die europ\u00e4ische Idee nicht nur institutionelle Manifestation sein kann, sondern auf Grundlage der W\u00fcrde des Menschen fu\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-8e0it\">Die Konf\u00f6deration ist f\u00fcr viele Staaten das Fundament m\u00f6glicherweise wirtschaftlich noch erfolgreicher zu werden. Ein Europa der B\u00fcrger:innen, in dem Exekutive, Legislative und Judikative rein auf europ\u00e4ischer Ebene verhaftet w\u00e4ren, ist zwar w\u00fcnschenswert, weil es die Grundlage der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der EGKS wie beispielsweise Schumann war, aber nach dem gescheiterten Verfassungsvorhaben Anfang der 2000er Jahre kaum vorstellbar, auch wenn vieles mit dem Beginn des europ\u00e4ischen Projekts damit verbunden gewesen zu sein scheint. Die Legitimit\u00e4tsfrage der europ\u00e4ischen Institutionen ist daher seit Gr\u00fcndung der EGKS eine berechtigte. War die EGKS nur das Projekt von Eliten? Und wenn dies so war, ist dann nicht die Legitimation des Friedensprojekts ad absurdum gef\u00fchrt?[20] So erscheint der Staatendiskurs seit den 50er Jahren, genauso wie der B\u00fcrgerdiskurs, nur als eine Scheindebatte, denn beides ist nicht im Sinne der Staaten oder B\u00fcrger. Vielmehr ist es von Essentialit\u00e4t, dass man eine kulturpolitische Einheit sucht.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"viewer-f8vtq\" class=\"wp-block-heading\">Ein Europa der Beh\u00f6rden<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-e76ld\">Die Diskussion \u00fcber ein Europa der Beh\u00f6rden gab es sogar zu Zeiten des Deutschen Zollvereins. Sie wurde bereits von Friedrich List als bremsend angesehen.[21] Jedoch ist dies seit der Gr\u00fcndung der EGKS bis zur EU eher ein \u00fcbersch\u00e4tztes Synonym f\u00fcr die Legitimationsfrage. Bei genauerer politikwissenschaftlicher und v\u00f6lkerrechtlicher Betrachtung ist ein Europa der Beh\u00f6rden jedoch ein Prozess der Rationalit\u00e4t und der Steuerung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-6rh96\">Walter Hallstein (erster Kommissionspr\u00e4sident) fasste die Funktion der EGKS auch so zusammen: \u201eDas Wesen dieser Welt selbst zwingt uns, unser Verst\u00e4ndnis von Begriffen wie Politik und \u00d6konomie zu \u00fcberdenken und die semantische Grenze zwischen ihnen neu zu ziehen oder sie m\u00f6glicherweise gar zu l\u00f6schen.\u201c Somit war der Kampf um die Deutungshoheit der europ\u00e4ischen Einigung nichts anderes als ein institutionelles Dreieck zwischen Staaten, B\u00fcrger:innen und Beh\u00f6rden, wie auch eine Parit\u00e4t zwischen Kommission, Rat und Parlament, in denen sich genau diese Debatten \u00fcber die Zukunft der europ\u00e4ischen Einigung offenbaren.[22] Inzwischen jedoch lancieren gerade jene intellektuellen Debatten zwischen fast ungreifbaren Begriffen wie Supranationalismus (Beh\u00f6rden und B\u00fcrger:innen) und Intergouvernementalismus (Beh\u00f6rden und Staaten). Hieraus entwickelte sich dann in 90er Jahren der Konstitutionalismus (Staaten und B\u00fcrger:innen), wo man heute auch politisch als auch \u00f6konomisch stagniert.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Das Wesen dieser Welt selbst zwingt uns, unser Verst\u00e4ndnis von Begriffen wie Politik und \u00d6konomie zu \u00fcberdenken und die semantische Grenze zwischen ihnen neu zu ziehen oder sie m\u00f6glicherweise gar zu l\u00f6schen.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5kn3u\">Somit hat schlussendlich Wolfgang Ischinger recht, wenn er zu dem Ergebnis kommt, dass die EU nicht nur als Teil einer europ\u00e4ischen Tradition oder gar eines reinen Friedensprojekts zu begreifen sei, sondern als das wesentliche Fundament strategischer, globaler Politik, auf das man zuk\u00fcnftig kaum verzichten k\u00f6nne.[23]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\" \/>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-7q1m2\">Ilya Zarrouk, Jahrgang 1981, studierte Neuere Geschichte\/Wirtschafts-und Sozialgeschichte und Politikwissenschaft in Mannheim, Heidelberg und Tunis. Er besch\u00e4ftigt sich mit Milit\u00e4rstrukturen und den staatsrechtlichen Gegebenheiten, die diese milit\u00e4rischen Strukturen bedingen. Zarrouk ist seit 2013 Dozent an verschiedenen Abendakademien im Rhein-Neckar-Raum, wo er zu sicherheits- und milit\u00e4rpolitischen Fragen referiert. Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors.<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\" \/>\n\n\n<p id=\"viewer-fmpb0\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[1] Helmut Kohl, \u201cVision f\u00fcr Europa\u201c-Preis 1997, in: Helmut Kohl: \u201cAuf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Reden zur Regierungspolitik 1997,\u201c hrsg. v. Presse- und Informationsamt, 272-275.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-39otp\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[2] Hans-Werner Hahn, \u201cGeschichte des Deutschen Zollvereins,\u201c (G\u00f6ttingen, 1984), 88-95.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-115tk\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[3] Eugen Wendler, \u201cDie Denkart von Friedrich List,\u201c 2022.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-p7t8\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[4] Hans-Werner Hahn, \u201cGeschichte des Deutschen Zollvereins,\u201c (G\u00f6ttingen, 1984), 88-95.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-caf8c\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[5] Die,..<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-avft\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[6] Paul Kennedy, \u201cAufstieg und Fall der gro\u00dfen M\u00e4chte: \u00d6konomischer Wandel und milit\u00e4rischer Konflikt von 1500-2000,\u201c (Frankfurt am Main, 2000).<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-esusk\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[7] J\u00fcrgen Habermas, \u201cZur Verfassung Europas. Ein Essay,\u201c (Berlin, 2011), 48-57.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-7qo85\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[8] Hans-Werner Hahn, Geschichte des Deutschen Zollvereins, (G\u00f6ttingen 1984), 88-93.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-4nspg\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[9] Idem.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-1htgd\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[10] Idem.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-328se\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[11] Idem.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-cad1f\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[12] Luuk van Middelaar, \u201cVom Kontinent zur Union. Gegenwart und Geschichte des vereinten Europa,\u201c (Berlin, 2016), 29-33.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-19lc7\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[13] Eugen Wendler, \u201cDie Denkart von Friedrich List,\u201c 2022.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-agc0u\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[14] Robert Malthus, ein englischer M\u00f6nch im 16. Jahrhundert, vertrat die These, dass durch das Bev\u00f6lkerungswachstum, Armut, Seuchen und Kriege vermehrt in Erscheinung treten w\u00fcrden, dabei erkannte er jedoch nicht die Schm\u00e4lerung dieser negativen Tendenzen durch den technischen Fortschritt.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-1aoi\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[15] J\u00fcrgen Habermas, \u201cZur Verfassung Europas. Ein Essay,\u201c (Berlin, 2011), 48-57.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-4crcj\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[16] Luuk van Middelaar, \u201cVom Kontinent zur Union. Gegenwart und Geschichte des vereinten Europa,\u201c (Berlin, 2016), 29-33.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-cgbqr\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[17] Luuk van Middelaar, \u201cVom Kontinent zur Union. Gegenwart und Geschichte des vereinten Europa,\u201c (Berlin, 2016), 29-33.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-5jeqm\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[18] Idem.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-7514k\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[19] Werner B\u00fchrer, \u00ab Ruhrstahl und Europa. Die Wirtschaftsvereinigung Eisen- Stahlindustrie und die Anf\u00e4nge der europ\u00e4ischen Integration 1945-1952,\u201c (Oldenbourg 1986), 29.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-ap928\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[20] Andrew Moravcsik, \u201cThe Choice for Europe,\u201d 2015.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-7mnbu\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[21] Eugen Wendler, \u201cDie Denkart von Friedrich List,\u201c 2022.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-7jslj\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[22] Luuk van Middelaar, \u201cVom Kontinent zur Union. Gegenwart und Geschichte des vereinten Europa,\u201c (Berlin, 2016), 29-33.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"viewer-7ccmt\" class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\">[23] Wolfgang Ischinger, \u201cWelt in Gefahr. Deutschland und Europa in unsicheren Zeiten,\u201c (Berlin, 2020), 234.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abstract: Vor \u00fcber 70 Jahren kam es zum ersten Schritt der europ\u00e4ischen Vereinigung. Dieses Jahr j\u00e4hren sich die \u00c9lys\u00e9e-Vertr\u00e4ge zum 60. Mal. Sie sind und waren nicht nur v\u00f6lkerrechtlich bedeutsame Vertr\u00e4ge, sondern sind das Fundament strategieorientierter europ\u00e4ischer Einigungspolitik. 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