{"id":1706,"date":"2022-10-10T08:51:40","date_gmt":"2022-10-10T08:51:40","guid":{"rendered":"https:\/\/tdhj.org\/?p=1706"},"modified":"2025-10-30T19:45:46","modified_gmt":"2025-10-30T18:45:46","slug":"optionen-nuklearer-strategie-in-komplexen-globalen-strukturen-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tdhj.org\/de\/post\/optionen-nuklearer-strategie-in-komplexen-globalen-strukturen-1\/","title":{"rendered":"Optionen nuklearer Strategie in komplexen globalen Strukturen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-foo\"><strong>Abstract:<\/strong> In einer komplexen globalen Struktur, durchzogen von B\u00fcndnissystemen, Rivalit\u00e4ten und Krisengebieten, m\u00fcssen auch nukleare Strategien angepasst und \u00fcberarbeitet werden. Hierzu geh\u00f6rt die Frage, wie stabil Allianzen im Angesicht des Ernstfalls sind. Zur Kl\u00e4rung wird ein klassisches nukleares Abschreckungsmodell verwendet und mit milit\u00e4r\u00f6konomischen Modellen und spieltheoretischen \u00dcberlegungen verkn\u00fcpft. Die Ergebnisse werden einer szenariobasierten Analyse gegen\u00fcbergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-73ji3\"><strong>Problemstellung:<\/strong> Wird eine nukleare Allianz im Ernstfall zerbrechen und was muss zur Stabilisierung unternommen werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-b0i18\"><strong>Bottom-line-up-front:<\/strong> Der Begriff des nuklearen Zweitschlags wird of mit Vergeltung gleichgesetzt. Das ist aber in komplexen Lagen nicht automatisch so. Er kann auch als milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung f\u00fcr einen Verb\u00fcndeten durchgef\u00fchrt werden. Dies muss jedoch situativ erfolgen. Es wird daher von Gegenschlags-Automatismen dringend abgeraten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-77ndf\"><strong>Was nun?:<\/strong> Komplexe globale Strukturen steigern die Anforderungen an die Nuklearstrategie extrem. So muss der Begriff \u201eZweitschlag\u201c von seiner inhaltlichen Festlegung auf pure Vergeltungsma\u00dfnahmen befreit werden. Des Weiteren scheint eine zu enge Bindung an eine Allianz nicht im streng rationalen Interesse eines Landes zu liegen. Die Analyse der Triell-Situation best\u00e4tigt, dass Menschen im Angesicht der Anarchie zu Zusammenschl\u00fcssen neigen. Es entsteht allerdings eine gef\u00e4hrliche Zwischenphase, in der die hier verwendeten Kalk\u00fcle keine Aussagen erm\u00f6glichen. Leicht k\u00f6nnen hier Konflikte durch Kleinigkeiten oder durch Missverst\u00e4ndnisse ausgel\u00f6st werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_fea878be30234699b0adc3c14469fb7a~mv2.jpg\" alt=\"Nukleare Abschreckung?\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Source: shutterstock.com\/Allexxandar<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"viewer-ef7ia\">Der Dualismus der Kalten Krieges<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-34jrf\">Aus dem Dualismus der beiden Atomm\u00e4chte USA und Sowjetunion w\u00e4hrend des Kalten Krieges hat sich eine komplexe Gesamtsituation entwickelt, die in Abbildung 1 nur \u00e4u\u00dferst verk\u00fcrzt wiedergegeben werden kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_d28dd7ed33c144619479e5e840e14cb2~mv2.jpg\" alt=\"Abbildung 1: Beziehungen zwischen den Atomm\u00e4chten (grob).\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Abbildung 1: Beziehungen zwischen den Atomm\u00e4chten (grob); Quelle: Autor<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-c1d9v\">Man geht inzwischen von neun Atomm\u00e4chten aus, die in komplexe, ineinandergreifende B\u00fcndnisstrukturen eingebettet sind. Hier steht nat\u00fcrlich au\u00dfer Frage, dass jedes Land die vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcber sein nukleares Arsenal hat. Das war jedoch zu Beginn des Atomzeitalters anders. So forderten die Vereinigten Staaten in der ersten nuklearen Allianz mit Frankreich und Gro\u00dfbritannien die zentrale Kontrolle \u00fcber das gesamte Arsenal, was aber von den europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten abgelehnt wurde.[1]<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Man geht inzwischen von neun Atomm\u00e4chten aus, die in komplexe, ineinandergreifende B\u00fcndnisstrukturen eingebettet sind.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-9maor\">Mithin stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die aktuelle Situation auf die nukleare Abschreckung hat.[2] Offensichtlich ist es immer wertvoll Verb\u00fcndete zu haben, insbesondere dann, wenn die Partner die gleichen Wertvorstellungen teilen. Hier schlie\u00dft sich die Frage an, ob solche B\u00fcndnisse im Angesicht des Ernstfalls, also eines nuklearen Angriffs auf die staatliche Gemeinschaft, stabil bleiben oder ob sie genau im kritischen Moment zerfallen? Oder ist es doch nicht immer wertvoll Verb\u00fcndete zu haben? Zum Beispiel dann nicht, wenn sie einen durch ihr Verhalten in gro\u00dfe Schwierigkeiten bringen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-fde8f\">Zur Kl\u00e4rung dieses Fragenkomplexes wird zun\u00e4chst wird das System der nuklearen Abschreckung, wie es jahrzehntelang zwischen den USA und der Sowjetunion bestand, abstrakt beschrieben, wobei der Systematik von Herman Kahn gefolgt wird.[3] Diese wird kurz erkl\u00e4rt und mit den milit\u00e4r\u00f6konomischen \u00dcberlegungen von Todd Sandler und Keith Hartley verkn\u00fcpft.[4] Dieses Modell wird schlie\u00dflich auf die Situation \u201eein Land vs. eine Allianz aus zwei L\u00e4ndern\u201c ausgeweitet und es werden verschiedene F\u00e4lle analysiert. Die Ergebnisse sollen plausibilisiert werden durch reale und hypothetische Konfliktszenarien. Dies ist sicher kein beweisf\u00e4higes Verfahren; es ist aber durchaus geeignet ein Modell mit der Wirklichkeit zu vergleichen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"viewer-e99tv\">Multistabiles Nukleargleichgewicht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-15pc4\">Wesentlich f\u00fcr die folgende Betrachtung ist der Begriff des multistabilen Nukleargleichgewichts, auch bekannt als multistabiles Gleichgewicht (\u201emultistable deterrence\u201c) nach Herman Kahn.[5] Kahn konstatiert ein multistabiles Gleichgewicht, wenn der nuklearen Erstschlagskapazit\u00e4t eines Landes eine entsprechende Zweitschlagskapazit\u00e4t eines gegnerischen Landes gegen\u00fcbersteht. Im Falle eines Angriffs (Erstschlag) w\u00fcrde dann ein Gegenschlag (Zweitschlag) erfolgen. Ein Angreifer w\u00fcrde dann zumindest extremen Schaden hinnehmen m\u00fcssen, w\u00e4re also ex-ante wirksam abgeschreckt. Diese Einteilung ist sehr vereinfachend, erf\u00fcllt aber den Zweck dieser Analyse.[6] Erst- und Zweitschlagskapazit\u00e4t k\u00f6nnen hierbei nicht scharf voneinander abgegrenzt werden. So gelten U-Boote mit ballistischen Raketen als Zweitschlagswaffe. Fr\u00fcher galten Intercontinental Ballistic Missiles (ICBM) in besonders geh\u00e4rteten Silos als Zweitschlagswaffe, obgleich man mit beiden auch einen Ertschlag durchf\u00fchren k\u00f6nnte. Zur Zweitschlagskapazit\u00e4t z\u00e4hlt aber auch die milit\u00e4rische F\u00e4higkeit auf anfliegende Raketen rechtzeitig mit dem Start der eigenen Raketen oder dem Aufsteigen nuklearer Bomber zu reagieren (\u201eLaunch on Warning\u201c). Bei Erst- und Zweitschlagskapazit\u00e4t handelt es sich also um komplexe Begriffsbildungen, die sich nicht in jedem Falle auf bestimmte Waffensysteme reduzieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Im Falle eines Angriffs (Erstschlag) w\u00fcrde dann ein Gegenschlag (Zweitschlag) erfolgen. Ein Angreifer w\u00fcrde dann zumindest extremen Schaden hinnehmen m\u00fcssen, w\u00e4re also ex-ante wirksam abgeschreckt.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_acaab8ea9148467eb8fb1ffa87a2d4bf~mv2.jpg\" alt=\"Abbildung 2: Multistabiles Gleichgewicht; Angriff von Land A auf Land B mit entsprechenden Konsequenzen.\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Abbildung 2: Multistabiles Gleichgewicht; Angriff von Land A auf Land B mit entsprechenden Konsequenzen; Quelle: Autor<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-a7edn\">Ein multistabiles Gleichgewicht, in dem es, rationales Verhalten der Beteiligten vorausgesetzt, keine Angriffe geben sollte, da sie scheitern w\u00fcrden f\u00fchrt somit, bei perfekter beiderseitiger Rationalit\u00e4t zum Ausbleiben eines Angriffes durch gegenseitige Abschreckung. Alternativ kann Land A seine Erstschlagskapazit\u00e4t ausschlie\u00dflich gegen die Zweitschlagskapazit\u00e4t von Land B richten, um die M\u00f6glichkeit der Gegenwehr auszuschalten (\u201e<em>Counterforce<\/em>\u201c) (1). Andere Angriffsziele kommen zun\u00e4chst nicht in Frage, da die Verschonung der Zweitschlagskapazit\u00e4t immer einen umso heftigeren Gegenschlag zu Folge h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-3v7r2\">Land B verf\u00fcgt jedoch \u00fcber gut ausgebaute Zweitschlagskapazit\u00e4ten und kann einen Gegenschlag gegen Land A f\u00fchren (2). In der Abbildung bleibt das genaue Ziel des Gegenschlags unbestimmt. Nach dem Prinzip der massiven Vergeltung (\u201e<em>Massive<\/em> <em>Retaliation<\/em>\u201c) hat der Gegenschlag \u201e<em>Countervalue<\/em>\u201c zu erfolgen, also sich gegen Industrieanlagen und Zivilbev\u00f6lkerung zu richten, um dem Angreifer inakzeptablen Schaden zuzuf\u00fcgen. Auch das Modell von Sandler und Hartley geht von dieser Annahme aus. Dies festzulegen scheint jedoch eine Engf\u00fchrung zu sein, kommen doch durchaus andere Alternativen in Frage. Sollte sich zum Beispiel Land B im Konflikt als \u00fcberlegen herausstellen, w\u00e4re die Ausschaltung s\u00e4mtlicher Nuklearkapazit\u00e4ten von Land A durchaus empfehlenswert. Oder ein Angriff auf konventionelle milit\u00e4rische Ziele, um Land A auch die M\u00f6glichkeit zur konventionellen Kriegsf\u00fchrung im Nachgang des nuklearen Schlagabtauschs zu nehmen. Weitere Alternativen wird diese Analyse aufzeigen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Nach dem Prinzip der massiven Vergeltung (\u201eMassive Retaliation\u201c) hat der Gegenschlag \u201eCountervalue\u201c zu erfolgen, also sich gegen Industrieanlagen und Zivilbev\u00f6lkerung zu richten, um dem Angreifer inakzeptablen Schaden zuzuf\u00fcgen.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-a9b6i\">Das entsprechende milit\u00e4r\u00f6konomische Modell stellt sich wie folgt dar[7]. Hierbei ist Mi der Bestand an Raketen des Landes i und fi die Rate, mit der eine Rakete eine gegnerische zerst\u00f6ren kann. Also ist Mi*fi die Anzahl der Raketen, die durch das Land i zerst\u00f6rt werden k\u00f6nnen. Ci ist die Schadensgrenze, ab der das Land i einen Schaden als inakzeptabel ansieht[8]. Ci \/ \u03bcj ist die Anzahl der Raketen, die j ben\u00f6tigt, um diesen Schaden i zuzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5t2r\">Daraus ergeben sich die Abschreckungsbedingungen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_88bb0628f388476cbc50bf72de392137~mv2.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-1e0oa\">Abschreckung kann verbal folgenderma\u00dfen beschrieben werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-bjmpl\">(2): B schreckt A ab, wenn B mehr Raketen hat als A zerst\u00f6ren kann und dann noch genug, um A inakzeptablen Schaden zuzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-8kvqi\">Nichteinhaltung der Abschreckungsbedingung hei\u00dft, dass das andere Land angriffsf\u00e4hig ist. Betrachten wir ein Versagen der Abschreckung von B.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_d66c72ec592848fca3a328a102be6c16~mv2.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-fc65v\">A kann B angreifen, wenn so viele Raketen von B zerst\u00f6rt werden k\u00f6nnen, dass B dem Land A keinen inakzeptablen Schaden mehr zuf\u00fcgen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-e4743\">Im Zwei-L\u00e4nder-Fall ist jede Kombination von Abschreckungs- und Angriffsf\u00e4higkeit m\u00f6glich[9].<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_8f574af35d104c918e9fadd2921f6806~mv2.jpg\" alt=\"Abbildung 3: Kombinationen von Abschreckungs- und Angriffsf\u00e4higkeit im Zwei-L\u00e4nder-Fall.\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Abbildung 3: Kombinationen von Abschreckungs- und Angriffsf\u00e4higkeit im Zwei-L\u00e4nder-Fall; Quelle: Autor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-44a5m\">Neben dem multistabilen Gleichgewicht gibt es noch die M\u00f6glichkeit, dass ein Land dominiert oder dass kein Land abschreckungsf\u00e4hig ist. Das hei\u00dft jedoch, dass beide L\u00e4nder angriffsf\u00e4hig sind. Somit best\u00fcnde der Anreiz zum Pr\u00e4ventivschlag. Spieltheoretisch gesprochen: Es liegt ein <em>Chicken Game<\/em> vor.[10] So ist es zum Beispiel eine wesentliche Aufgabe von Abr\u00fcstungsverhandlungen zu vermeiden, dass man sich in eine solche Situation hineinverhandelt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"viewer-a6oe3\">Allianzen im multistabilen Nukleargleichgewicht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-1l6pv\">Wir f\u00fcgen der Analyse nun ein weiteres Land hinzu. Wir nehmen an, dass sich dann zwei L\u00e4nder verb\u00fcnden. Dies ist das normale Verhalten eines Drei-Parteien-Systems, in dem sich die Beteiligten misstrauisch gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-fco4d\">Es bleibt die Frage, ob ein B\u00fcndnis bei gro\u00dfen Belastungen h\u00e4lt oder auseinanderbricht beziehungsweise wie die B\u00fcndnispartner sich verhalten m\u00fcssen, um einem Zerfall entgegenzuwirken. Hierbei geht das verwendete Erkl\u00e4rungsmodell davon aus, dass B\u00fcndnisverpflichtungen erst einmal grunds\u00e4tzlich erf\u00fcllt werden. Nukleare B\u00fcndnisse werden ja nicht mit jedem geschlossen. Man teilt Wertvorstellungen und hat ein gemeinsames Bild von der Bedrohungslage. Im Angesicht extremer Gefahr jedoch k\u00f6nnte man in Versuchung geraten das B\u00fcndnis aufzuk\u00fcndigen oder die versprochene Leistung nicht zu erbringen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Es bleibt die Frage, ob ein B\u00fcndnis bei gro\u00dfen Belastungen h\u00e4lt oder auseinanderbricht beziehungsweise wie die B\u00fcndnispartner sich verhalten m\u00fcssen, um einem Zerfall entgegenzuwirken.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-of5k\">Die blaue Seite[11] wird also durch eine Allianz aus zwei L\u00e4ndern ersetzt, die Modellwelt bestehe nun aus Land A (rot) und einer Allianz aus den L\u00e4ndern B und C (blau). Sie verf\u00fcgen \u00fcber kleinere Erst- und Zweitschlagskapazit\u00e4ten. Diese reichen in der Summe aber durchaus, um mit Land A in ein multistabiles Nukleargleichgewicht zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_4cabbd7c99874f4d8dfa2d35fb225dae~mv2.jpg\" alt=\"Abbildung 4: Multistabiles Gleichgewicht, zwei L\u00e4nder bilden eine Allianz.\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Abbildung 4: Multistabiles Gleichgewicht, zwei L\u00e4nder bilden eine Allianz; Quelle: Autor.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_e9b10c2cb6e545b1927afee5df865434~mv2.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-3armp\">Das hat gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit mit den Ungleichungen (1) und (2) und bedeutet auch das selbe. Tats\u00e4chlich f\u00e4llt diese Situation dem Zwei-L\u00e4nder-Fall gleich, wenn die Allianz wie ein Land handelt oder wie ein Land behandelt wird. Wenn sich B und C zu einem gemeinsamen Erstschlag gegen A verabreden, liegt also die oben angegebene Analyse des Zwei-L\u00e4nder-Falles vor. Desgleichen, wenn A beide L\u00e4nder der Allianz gleichzeitig angreift.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-8h323\">Deutliche Unterscheide ergeben sich jedoch in den folgenden zwei Szenarien. Diese Unterschiede rechtfertigen eine gesonderte Analyse und begr\u00fcnden eine deutliche Unterscheidung zum Zwei-L\u00e4nder-Fall.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"viewer-a7p66\"><em>Angriff der roten Seite auf ein Land der Allianz<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-cv6pt\">Sollte A sich entschlie\u00dfen, einen Erstschlag nur gegen Land C zu f\u00fchren, geht es davon aus, dass Land B im Angesicht des Ernstfalles seinen B\u00fcndnisverpflichtungen nicht nachkommt. So im Falle eines schnellen Sieges gegen C (Fall Rot1).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_872749d608864305afe1bb69e128d3b9~mv2.jpg\" alt=\"Abbildung 5: Angriff auf ein Land der Allianz.\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Abbildung 5: Angriff auf ein Land der Allianz; Quelle: Autor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-qkfq\">Die Abschreckungsbedingungen (4) und (5) werden nun zu:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_8b07c8c4620a4eae81f18564c6d7e7bd~mv2.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-645qe\">Hierbei wird angenommen, dass der noch vorhandene Raketenbestand von A ausreicht, um die Abschreckungsbedingung zu erf\u00fcllen, aber B, jetzt auf sich allein gestellt, nicht mehr in der Lage ist, A abzuschrecken. Hier kann B in der Tat nicht geraten werden, A anzugreifen, B\u00fcndnisverpflichtungen hin oder her. Land A hat dann mit der Strategie \u201e<em>One by one<\/em>\u201c den Sieg errungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-d6cmq\">Angenommen aber Land C w\u00e4re durchaus in der in der Lage zu reagieren. Wie sollte es sich entscheiden? Ein Gegenschlag sollte sich gegen die Zweitschlagkapazit\u00e4t von Land A richten, also technisch gesprochen, ein \u201eErstschlag\u201c gegen Land A sein (Fall Rot2, (2)). Dies w\u00fcrde Land B in eine sehr vorteilhafte Position bringen, da ihm Land A nun mit deutlich reduzierter Zweitschlagkapazit\u00e4t gegen\u00fcbersteht (Fall Rot2, (3)), wobei das genaue Ziel des Angriffs von B auf A hier unbestimmt bleibt, da eventuell milit\u00e4rische Ziele angegriffen werden m\u00fcssen oder man sich f\u00fcr nukleare Vergeltung entscheidet. Trotz des Schadens, den Land C erlitten hat, k\u00f6nnte die Allianz dann noch einen milit\u00e4rischen Erfolg verbuchen. An dieser Stelle kommt das oben gesagte zum Tragen: B\u00fcndnisverpflichtungen werden tendenziell gehalten, sofern nicht extreme Gefahren dagegen sprechen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>B\u00fcndnisverpflichtungen werden tendenziell gehalten, sofern nicht extreme Gefahren dagegen sprechen.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-3tqn6\">Man erkennt, dass ein Zweitschlag nicht unbedingt ein Vergeltungsschlag \u201e<em>countervalue<\/em>\u201c sein muss, der sich gegen Zivilisten und Industrieanlagen richtet. Es kann sich durchaus ein Zweitschlag \u201e<em>counterforce<\/em>\u201c empfehlen. Zum Abgleich sollen diese \u00dcberlegungen dem folgenden hypothetischen Szenario gegen\u00fcbergestellt werden. In Jahre 1975 unternimmt die Sowjetunion einen nuklearen \u00dcberraschungsangriff auf amerikanisches Kernland. Wie soll nun der amerikanische Gegenschlag aussehen? Um die europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten zu motivieren ihren NATO-Verpflichtungen nachzukommen, sollte sich der Gegenschlag auf milit\u00e4rische Ziele richten, insbesondere auf sowjetische Zweitschlagskapazit\u00e4t. Die Europ\u00e4er, bewusst der Tatsache, dass sie der Sowjetunion ausgeliefert waren, wenn die USA ausf\u00e4llt, w\u00e4ren motiviert gewesen, die Sowjetunion anzugreifen. Insbesondere nach guter \u201eVorarbeit\u201c durch die USA, wenn die Zweitschlagf\u00e4higkeit oder die konventionelle Bewaffnung der Sowjetunion durch den amerikanischen Gegenschlag stark gesch\u00e4digt worden w\u00e4re. Am Rande bemerkt: Zu dieser Zeit w\u00e4re es vielleicht sogar m\u00f6glich gewesen, dass China in den Konflikt eingestiegen w\u00e4re, und zwar als Gegner der Sowjetunion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-fgdne\">Obschon durchaus diskutabel, ist dieses hypothetische Szenario in der Lage, den oben stehenden \u00dcberlegungen Geltung zu verschaffen. Es zeigt nat\u00fcrlich auch, dass die Mitglieder der Allianz im Ernstfall nicht einfach auf den Knopf dr\u00fccken k\u00f6nnen, um dann das Beste zu hoffen. Stattdessen stehen, um im Beispiel zu bleiben, mehrere Kn\u00f6pfe zur Verf\u00fcgung, von denen jetzt \u2013 und die Zeit ist knapp \u2013 einer ausgew\u00e4hlt werden muss. Die Analyse zeigt klar: wenn Land C in gro\u00dfer Not die falsche Strategie w\u00e4hlt, hat das gesamte Verteidigungssystem der Allianz versagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-3bt9b\">Kommen wir nun zu einem weiteren Beispiel, extrem unbeliebt aber leider nicht selten: Alleing\u00e4nge eines Partners.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"viewer-ej8se\"><em>Angriff eines einzelnen alliierten Staates auf die rote Seite ohne Wissen des Partners<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-dbg0\">In diesem Szenario entschlie\u00dft sich Land C einen Erstschlag gegen Land A zu f\u00fchren, ohne Land B im Vorfeld dar\u00fcber zu informieren. Sollte B ohne weitere Komplikationen ebenfalls den Kampf gegen A aufnehmen, liegt der Zwei-L\u00e4nder-Fall vor (Fall Blau1).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_4186e83a7045480cb350d26d5ff11492~mv2.jpg\" alt=\"Abbildung 6: Alleingang eines Landes der Allianz, Einbezug von Land B.\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Abbildung 6: Alleingang eines Landes der Allianz, Einbezug von Land B; Quelle: Autor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5k14j\">Auch im Falle der Passivit\u00e4t von Land B k\u00f6nnte sich Land A entschlie\u00dfen, den Gegenschlag, der ja gegen C l\u00e4uft, auch auf Land B auszuweiten (Fall Blau2). Hier scheint die Theorie vorzuspielen, dass dieser Schritt undurchdacht, gar verbrecherisch w\u00e4re. Daf\u00fcr k\u00f6nnen aber durchaus Gr\u00fcnde vorliegen. So drohte US-Pr\u00e4sident Kennedy w\u00e4hrend der Kuba-Krise im Jahre 1962 Vergeltungsschl\u00e4ge gegen sowjetisches Territorium an[12], auch wenn ein Erstschlag von Kuba aus erfolgte, also wie im Fall Blau2.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-6gt26\">Der Fall Blau3 beschreibt die Situation, dass Land B passiv bleibt. Schlie\u00dflich gibt kein B\u00fcndnisvertrag das bedingungslose Folgen eines unvermuteten Angriffs eines Partners her. Allerdings muss B den Fall Blau2 bef\u00fcrchten, A bef\u00fcrchtet Blau1, w\u00e4re also in Versuchung, Blau2 auszul\u00f6sen. Idealerweise schafft es Land B also, Land A von seinen friedlichen Absichten zu \u00fcberzeugen. Wenn nun A nicht mehr den Fall Blau1 bef\u00fcrchten muss, kann es sich auf die Verteidigung gegen C konzentrieren. Dies ist ein klassisches Beispiel daf\u00fcr, dass man permanente Kommunikationskan\u00e4le ben\u00f6tigt, die auch im Krisenfall funktionieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_167a1d943701496b9f2df831b2850253~mv2.jpg\" alt=\"Abbildung 7: Alleingang eines Landes der Allianz, B bleibt erfolgreich passiv.\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Abbildung 7: Alleingang eines Landes der Allianz, B bleibt erfolgreich passiv; Quelle: Autor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-a51lk\">Nun steht B zwar ohne B\u00fcndnispartner aber in alter St\u00e4rke den geschw\u00e4chten L\u00e4ndern A und C gegen\u00fcber. Eine sicherlich vorteilhafte Situation, die, wie wir gesehen haben, jedoch keinesfalls garantiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-6fpbp\">Auch hier soll die Analyse noch durch ein hypothetisches Krisenszenario untermauert werden. So wird das indisch-chinesische Verh\u00e4ltnis weltweit mit Sorge betrachtet. Besonders aus der Sicht Pakistans (Land B), einem Verb\u00fcndeten Chinas (Land C), muss es zur Sorge Anlass bieten. Sollte es pl\u00f6tzlich zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen China und Indien (Land A) kommen, muss es damit rechnen, in den Krieg hineingezogen zu werden. Indien k\u00f6nnte Blau1 bef\u00fcrchten und deshalb Blau2 ausl\u00f6sen, also Pakistan angreifen. Es ist aber auch m\u00f6glich, dass sich Indien im Kriegsverlauf zu einem Vergeltungsangriff \u201e<em>countervalue<\/em>\u201c gegen die chinesischen Investitionen auf pakistanischem Gebiet entschlie\u00dft, eine Variante von Blau2.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-4tg09\">Hier k\u00f6nnte sich Pakistan entschlie\u00dfen Indien pr\u00e4ventiv anzugreifen, also doch Blau1 auszul\u00f6sen. Das Ziel von Pakistan sollte nat\u00fcrlich Fall Blau3 sein, also den Konflikt unbeschadet zu \u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Sollte es pl\u00f6tzlich zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen China und Indien (Land A) kommen, muss es damit rechnen, in den Krieg hineingezogen zu werden. Indien k\u00f6nnte Blau1 bef\u00fcrchten und deshalb Blau2 ausl\u00f6sen, also Pakistan angreifen.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-bq4aj\">Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass solche Entscheidungen unter h\u00e4rtesten psychologischen Bedingungen und extremen Zeitdruck erfolgen m\u00fcssen \u2013 und es kann noch komplizierter werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"viewer-dj0tg\"><em>Triell<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-79tnn\">Schlie\u00dflich soll der Fall ausgeleuchtet werden, in dem sich drei Kontrahenten jeweils feindlich gegen\u00fcberstehen. Wir bezeichnen den Fall als Triell.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_ba0b6b42484d47eba4b2abecf50ea19e~mv2.jpg\" alt=\"Abbildung 8: Triell. Eine solche Situation existiert momentan nicht, wie ein Vergleich mit Abbildung 1 zeigt.\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Abbildung 8: Triell. Eine solche Situation existiert momentan nicht, wie ein Vergleich mit Abbildung 1 zeigt; Quelle: Autor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-925v5\">Ein Abschreckungsbegriff ist in einem solchen Fall nur schwer zu fassen. Land i k\u00f6nnte beide Kontrahenten abschrecken, wenn es einen gen\u00fcgenden Raketenbestand hat. Aus (1) folgt:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_339d70cc79f342ecac6c3b17293dcdf3~mv2.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5bek1\">Wir k\u00f6nnen Land A herausgreifen. Die Abschreckungs-Ungleichung entspricht dann (4). Man geht trotz Triell-Szenario vom schlimmsten Fall aus, in dem B und C verb\u00fcndet sind.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_79584947f0cf4f148c5b1137f1b11cec~mv2.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-8e8bk\">Die Angriffsf\u00e4higkeit ergibt sich dann aus der Negation von (5).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_65c1edbe174d4edfafd5b30793feed4e~mv2.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-eaijk\">Dann ist Land A doppelt angriffsf\u00e4hig, das hei\u00dft, auch B und C gemeinsam k\u00f6nnen es nicht abschrecken. Aus fehlender Abschreckungsf\u00e4higkeit kann hier jedoch nicht auf Angriffsf\u00e4higkeit der Gegenseite geschlossen werden. Das funktioniert nur bei zwei Parteien. Diese Mehrfachf\u00e4higkeiten sind jedoch selten anstrebenswert, da extrem gro\u00dfe Best\u00e4nde aufgebaut werden m\u00fcssen. Bei 4, 5 oder mehr Kontrahenten wird vollst\u00e4ndige Abschreckungs- und Angriffsf\u00e4higkeit zunehmend unerreichbarer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-2rhg9\">Abbildung 9 zeigt die Fortentwicklung einer Triell-Situation. Wir gehen ohne Beschr\u00e4nkung der Allgemeinheit davon aus, dass A st\u00e4rker ist als B und B st\u00e4rker ist als C.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_dad0b35fa3434b0bab7abcbf91e3832e~mv2.jpg\" alt=\"Abbildung 9: Fortentwicklung des Triells. Ohne Beschr\u00e4nkung der Allgemeinheit sei A st\u00e4rker als B und B st\u00e4rker als C.\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Abbildung 9: Fortentwicklung des Triells. Ohne Beschr\u00e4nkung der Allgemeinheit sei A st\u00e4rker als B und B st\u00e4rker als C; Quelle: Autor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-6sdpk\">Man erkennt, dass das Triell zur Instabilit\u00e4t neigt. Es besteht die Tendenz, dass sich zwei der Kontrahenten gegen den Dritten verb\u00fcnden. Dies hatten wir weiter oben bei der Einf\u00fchrung der Allianz-Struktur einfach vorausgesetzt. Eine solche Situation existiert zwischen den Atomm\u00e4chten aktuell nicht, es hat sie aber gegeben, und zwar nach dem Zusammenbruch des sino-sowjetischen Blocks. Bereits Anfang der 60er-Jahre wurden hier erste Probleme bei den Beziehungen beider L\u00e4nder deutlich. 1969 kam es dann zu Kampfhandlungen am Ussuri. Erst Anfang der 80er-Jahre normalisierte sich die Lage.[13] In dieser Zeitspanne lag der Vietnamkrieg, bei dem Nordvietnam von der Sowjetunion und China unterst\u00fctzt wurde, daher die Rivalit\u00e4t zwischen den USA und China. Sp\u00e4testens ab 1969 bestand also eine Triell-Situation.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Man erkennt, dass das Triell zur Instabilit\u00e4t neigt. Es besteht die Tendenz, dass sich zwei der Kontrahenten gegen den Dritten verb\u00fcnden.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-7u155\">Diese Situation entspricht Fall 2 in Abbildung 9. China war damals in der Tat der Schw\u00e4chere, die USA und die Sowjetunion verf\u00fcgten \u00fcber Abschreckungsf\u00e4higkeit gegeneinander, mithin zumindest n\u00e4herungsweise \u00fcber doppelte Abschreckungsf\u00e4higkeit. Die USA, insbesondere US-Pr\u00e4sident Nixon, wurden aktiv. Nach diplomatischen Vorbereitungen kam es im Jahre 1972 zu einem Staatsbesuch in China, der durchaus positiv verlief \u2013 und dies im Angesicht des Vietnamkriegs, bei dem China den Gegner Amerikas, Nordvietnam, unterst\u00fctzte. Es wurde zwar kein Milit\u00e4rb\u00fcndnis geschlossen, aber die Lage entspannte sich deutlich. Wann die Triell-Situation genau endete, muss dahinstehen. In den 80er-Jahren erfolgte Chinas \u00d6ffnung f\u00fcr den Weltmarkt unter Deng Xiaoping. Sp\u00e4testens dann endete der Konflikt zwischen den USA und China. Zumindest vorl\u00e4ufig, wie wir heute wissen. Man erkennt die Bestrebungen zum Aufl\u00f6sen des Triells zugunsten einer irgendwie gearteten Zwei-Parteien-Situation. Eine Komponente ist sicher, dass eine Triell-Situation unter Atomm\u00e4chten langfristig einfach unertr\u00e4glich ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"viewer-ausld\">Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-36u75\">Komplexe globale Strukturen steigern die Anforderungen an die Nuklearstrategie extrem. So muss der Begriff \u201eZweitschlag\u201c von seiner inhaltlichen Festlegung auf pure Vergeltungsma\u00dfnahmen befreit werden. Wie wir im Fall Rot2 gesehen haben, sollte Land C in der Tat von solchen Ma\u00dfnahmen absehen und zur Unterst\u00fctzung von Land B milit\u00e4rische Ziele angreifen. Ob Land B nun \u201e<em>counterforce<\/em>\u201c oder \u201e<em>countervalue<\/em>\u201c zur\u00fcckschl\u00e4gt kann allgemein gar nicht gesagt werden. Man muss also in k\u00fcrzester Zeit unter sehr gro\u00dfen Bedrohungen hochflexibel reagieren. Ein irgendwie gearteter Gegenschlags-Automatismus ist keinesfalls zu empfehlen, w\u00fcrde dies doch einer Weltvernichtungsmaschine, von Herman Kahn erdacht[14] und von Stanley Kubrick genial filmisch umgesetzt[15], entsprechen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Komplexe globale Strukturen steigern die Anforderungen an die Nuklearstrategie extrem. So muss der Begriff \u201eZweitschlag\u201c von seiner inhaltlichen Festlegung auf pure Vergeltungsma\u00dfnahmen befreit werden.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-2eql9\">Des Weiteren scheint eine zu enge Bindung an eine Allianz nicht im streng rationalen Interesse eines Landes zu liegen. So wird im Fall Rot1 der Zweitschlag ganz einfach entfallen. Land B wird ihn wahrscheinlich nicht f\u00fchren, wenn der Krieg bereits verloren ist. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die F\u00e4lle Blau. Hier muss Land B ja vermeiden, durch Alleing\u00e4nge von Land C in gro\u00dfe Schwierigkeiten zu kommen. Auch da w\u00e4re ein allianzweiter Gegenschlags-Automatismus fatal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-7vsoa\">Die Analyse der Triell-Situation best\u00e4tigt, dass Menschen im Angesicht der Anarchie zu Zusammenschl\u00fcssen neigen. Es entsteht allerdings eine gef\u00e4hrliche Zwischenphase, in der die hier verwendeten Kalk\u00fcle keine Aussagen erm\u00f6glichen. Leicht k\u00f6nnen hier Konflikte durch Kleinigkeiten oder durch Missverst\u00e4ndnisse ausgel\u00f6st werden. Diese Problematik sollte durchaus im Auge behalten werden. Hierbei k\u00f6nnen theoretische Kalk\u00fcle ein durchaus n\u00fctzliches Hilfsmittel darstellen. Sie sind jedoch keinesfalls als alleiniges Analyseinstrument ausreichend. Theoretische Ergebnisse sind vielmehr realen oder realit\u00e4tsbasierten Szenarien gegen\u00fcberzustellen. Die Kombination beider Methoden ist es, die deutlichen Erkenntnisgewinn verspricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-b881l\">Harden Ortner; 1983-1989: Studium der Elektrotechnik an der Technischen Universit\u00e4t Berlin; 1989- 1994 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universit\u00e4t Berlin im Bereich der Rechnertechnologie; Seit 1995: Berufliche T\u00e4tigkeit im Bankwesen in den Bereichen: Informationstechnologie, Innenrevision, Risikocontrolling; Seit 2004: Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen Politik, Wirtschaft und Geschichte. Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-55so0\">[1] Henry Kissinger, <em>The Troubled Partnership, A Re-appraisal of the Atlantic Alliance<\/em> (Greenwood Press, 1982 (1965)), 120-132.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-fq7kj\">[2] Erik Durschmied, <em>The MAD Syndrome<\/em>, \u00d6MZ Online, 2018, https:\/\/www.oemz-online.at\/display\/ZLIintranet\/Online+Only+en?preview=%2F50627908%2F50629289%2F201802_Durschmied.pdf . Erik Durschmied entwickelt hypothetische nukleare Szenarien mit hoher Komplexit\u00e4t, eine Motivation f\u00fcr die hier vorliegende theoretische Analyse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-alnk3\">[3] Herman Kahn, <em>On Thermonuclear War<\/em> (Princeton University Press, 1960).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-enrpb\">[4] Todd Sandler und Keith Hartley, <em>The Economics of Defense<\/em> (Cambridge University Press, 1995).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5ej6k\">[5] Herman Kahn, <em>On Thermonuclear War<\/em>, 141.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5l8nj\">[6] Herman Kahn unterscheidet Typ-1, Typ-2 und Typ-3-Abschreckung. Detail im ggstdl. Beitrag nicht abbildbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-fqcdh\">[7] Todd Sandler und Keith Hartley, <em>The Economics of Defense<\/em>, 93-112.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-2aecj\">[8] Sandler und Hartley unterscheiden den kleinsten inakzeptablen Schaden und den gr\u00f6\u00dften noch akzeptablen Schaden. Wir setzen diese jedoch gleich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-b74sk\">[9] Sandler und Hartley weisen zu Recht darauf hin, dass sich bei kleineren Raketenbest\u00e4nden ganz andere Stabilit\u00e4tsbedingungen ergeben, die auch anders berechnet werden m\u00fcssen. H\u00f6chst relevant f\u00fcr Abr\u00fcstungsverhandlungen, wir verfolgen dies an dieser Stelle jedoch nicht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-8khac\">[10] Zum Beispiel in: Seite 44 in Thomas Riechmann, <em>Spieltheorie<\/em> (Verlag Franz Vahlen, 2014).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5pvdu\">[11] Wir folgen der Red-vs.-Blue-Systematik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-cd4dq\">[12] Lawrence Freedman und Jeffrey Michaels, <em>The Evolution of Nuclear Strategy<\/em>, (Palgrave Macmillan, 2019), 314.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-c9n4s\">[13] Lawrence Freedman und Jeffrey Michaels, <em>The Evolution of Nuclear Strategy<\/em>, 391.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-3k5p0\">[14] Herman Kahn, <em>On Thermonuclear War<\/em>, 145.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-ajj6s\">[15] \u201cDr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb,\u201d 1964, Columbia Pictures, mit Peter Sellers unter Anderem als Dr. Strangelove, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Dr._Strangelove\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Dr._Strangelove<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abstract: In einer komplexen globalen Struktur, durchzogen von B\u00fcndnissystemen, Rivalit\u00e4ten und Krisengebieten, m\u00fcssen auch nukleare Strategien angepasst und \u00fcberarbeitet werden. Hierzu geh\u00f6rt die Frage, wie stabil Allianzen im Angesicht des Ernstfalls sind. Zur Kl\u00e4rung wird ein klassisches nukleares Abschreckungsmodell verwendet und mit milit\u00e4r\u00f6konomischen Modellen und spieltheoretischen \u00dcberlegungen verkn\u00fcpft. Die Ergebnisse werden einer szenariobasierten Analyse gegen\u00fcbergestellt. 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