{"id":1748,"date":"2021-03-08T10:00:00","date_gmt":"2021-03-08T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/tdhj.org\/?p=1748"},"modified":"2025-10-30T19:45:49","modified_gmt":"2025-10-30T18:45:49","slug":"relevanz-nukleare-abschreckung-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tdhj.org\/de\/post\/relevanz-nukleare-abschreckung-1\/","title":{"rendered":"Die unver\u00e4nderte Relevanz der nuklearen Abschreckung im 21. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-foo\"><strong>Abstract:<\/strong> Nukleare Abschreckung ist historisch gewachsen und muss in Ihrer G\u00e4nze betrachtet werden, unter anderem auch in Bezug auf die sogenannte \u201eHybride Kriegsf\u00fchrung\u201c. Diese w\u00e4re ohne die Nukleare Abschreckung und Eskalationsstufen nicht denkbar. Eskalationsstufen setzen die Rahmenbedingungen f\u00fcr erfolgreiches Vorgehen bei einer hybriden Operation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-dhrh3\"><strong>Bottom-line-up-front:<\/strong> Hybride Kriegsf\u00fchrung darf nicht ohne ihre Einbettung in das Konzept der Nuklearen Abschreckung gesehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-2h64r\"><strong>Problemdarstellung:<\/strong> Warum m\u00fcssen strategische Nuklearwaffen als Element moderner Kriegsf\u00fchrung zwingend mitgedacht werden, obwohl deren Existenz auf dem Narativ des Nicht-Einsatzes dieser Waffensysteme basiert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-5gurl\"><strong>Was nun?:<\/strong> Nukleare Abschreckung erm\u00f6glicht durch verdeckte beziehungsweise stille Absprachen das eskalatorische Ausma\u00df von Konflikten zu limitieren und forciert somit hybride Kriegsf\u00fchrung. Nukleare Abschreckungsstrategien m\u00fcssen von allen Armeen neu bedacht werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/wp-content\/media-ext\/0d3ede_0dfc9748b63f400c8eb05613abf39654~mv2.jpg\" alt=\"Nuclear Deterrence\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Source: shutterstock.com\/vladm<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-83hvf\">Im Zeitalter \u201ehybrider Kriegsf\u00fchrung\u201c sind deren erm\u00f6glichende strategischen Rahmenbedingungen in den Hintergrund ger\u00fcckt. Die oft zitierte neue \u201erussische Art der Kriegsf\u00fchrung\u201c ist jedoch ein Produkt der nuklearen Balance, die sich aus der nuklearen Abschreckung ergibt. Ein taktischer Sieg in einem Konflikt zwischen Gro\u00dfm\u00e4chten ist unter strategischen Gesichtspunkten seit der Einf\u00fchrung von strategischen Nuklearenwaffen differenzierter zu betrachten.[1] Ein milit\u00e4rischer Sieg ist nur unter taktischen oder operativen Gesichtspunkten von besonderer Relevanz. Nukleare Waffen sind jedoch aufgrund ihrer Wirkweise der strategischen Ebene zuzuordnen, Sie stellen eine effektive R\u00fcckversicherung dar. Das Ziel ist die Nicht-Anwendung der Streitkr\u00e4fte im physischen Sinne und der damit verbundenen Nutzung des zur Verf\u00fcgung stehenden Potenzials der Streitkr\u00e4fte, insbesondere der nuklearen F\u00e4higkeiten.[2] Nukleare Abschreckung kann jedoch nicht bei jedem Interessenskonflikt das erste Mittel der Wahl darstellen, denn das erfordert die Bereitschaft die nuklearen F\u00e4higkeiten einzusetzen. Das wiederum kann authentisch nur bei der Bedrohung essenzieller Interessen erfolgen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Nukleare Waffen sind jedoch aufgrund ihrer Wirkweise der strategischen Ebene zuzuordnen, Sie stellen eine effektive R\u00fcckversicherung dar.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-fhdjn\">Das Konzept der Deterrence-by-Denial (\u201eAbhaltestrategie\u201c) hat die Kalkulation eines Gegners, der einen Angriff plant, zum Ziel. Dabei gilt es den Gegner von der Nicht-Durchf\u00fchrbarkeit seines Vorhabens zu \u00fcberzeugen.[3] Das Konzept ist geografisch in seiner Ausrichtung limitiert und bezieht sich meist auf eine direkte oder potenzielle milit\u00e4rische Bedrohung. Konventionelle Streitkr\u00e4fte sind im klassischen Fall in eine Deterrence-by-Denial einbezogen. So k\u00f6nnen nukleare Waffen auf taktischer Ebene in der Operationsart des Hinderns oder Hemmens mit eingebunden werden. Hierbei ist die prim\u00e4re Anwendung gegen spezifische Truppenverb\u00e4nde in einem Operationsraum gerichtet, um einen operativen Vorteil zu erzielen. Konventionelle Streitkr\u00e4fte sind aufgrund ihrer Beschaffenheit auf eine Denial-Strategie ausgelegt und besser geeignet diese Aufgabe glaubhaft durchzuf\u00fchren.[4] Deterrence-by-Denial mit Nuklearwaffen stellt jedoch bereits eine strategische Eskalationsstufe dar, was seine Anwendung deutlich limitiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-1bvho\">Deterrence-by-Punishment ist bei seiner Zielsetzung darauf ausgerichtet dem gegnerischen Staat einen m\u00f6glichst \u201eschmerzvollen\u201c Schlag zu versetzen, der diesen in seiner Existenz gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. St\u00e4dte und sozio\u00f6konomische Zentren sind hierbei die Prim\u00e4rziele.[5] Der Fokus vieler US-Strategen, gerade w\u00e4hrend des Kalten Krieges, war das sogenannte Counter-Force. Counter-Force bezeichnet den Einsatz von Nuklearwaffen gegen feindliche Kommando- und Kommunikationseinrichtungen sowie die kritische Infrastruktur des gegnerischen Staates, um somit das Abschreckungspotenzials des Gegners abzunutzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-4jcvd\">Bef\u00fcrworter, die nukleare Kapazit\u00e4ten durch konventionelle F\u00e4higkeiten ersetzen wollen, argumentieren mit neuen technischen Entwicklungen wie etwa Cybermittel, die Nuklearwaffen ersetzen k\u00f6nnten. Um ein in der Wirkung den Nuklearwaffen \u00e4hnliches Bedrohungspotential mit konventionellen Mitteln erzielen zu k\u00f6nnen, sind erhebliche materielle Anstrengungen vonn\u00f6ten.[6] Auch kann das Grundsatzprinzip moderner Abschreckung nicht erreicht werden: Die Androhung extremer Zerst\u00f6rung, die zeitnah und unmittelbar ausgel\u00f6st werden kann. Diese stellt den Hauptbestandteil der Abschreckung dar.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Die Androhung extremer Zerst\u00f6rung, die zeitnah und unmittelbar ausgel\u00f6st werden kann. Diese stellt den Hauptbestandteil der Abschreckung dar.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-easc8\">Somit ist das Potential nuklearer Abschreckung von dem konventioneller oder cybergest\u00fctztee Mittel klar zu unterscheiden. In den beiden letzteren F\u00e4llen ist die Zeit zur Vorbereitung, sowie auch der Aufwand deutlich h\u00f6her als bei Nuklearwaffen.[7] Eine limitierte zeitliche Entscheidungsfreiheit und ein unmittelbar eintreffender angedrohter Effekt, wie im Falle des Einsatzes von Nuklearwaffen, ist das Alleinstellungsmerkmal im Gegensatz zu allen anderen Waffenkategorien, inklusive Cybermittel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-81pdb\">Der Besitz von nuklearen Waffen stellt jedoch keinen Automatismus bei der Abschreckung zwischen nuklearen M\u00e4chten dar. Vielmehr bedarf es einer Er\u00f6rterung, wie ein Staat abgeschreckt werden kann. In diesem Kontext ist die geografische Lage ein nicht zu vernachl\u00e4ssigender Ausgangspunkt. Neuralgische Punkte wie etwa eine Gro\u00dfstadt und kritische Infrastruktur k\u00f6nnen bereits mit einer begrenzten Anzahl an Sprengk\u00f6pfen zerst\u00f6rt werden. Zumindest theoretisch kann eine Drohkulisse zur Abschreckung durch die Androhung der physischen Zerst\u00f6rung dieser Punkte in kurzer Zeit hergestellt werden. Die Kommunikation der Abschreckung folgt jedoch, ob im Krieg oder Frieden, vorrangig dem Prinzip einer \u201estillschweigenden Verhandlung\u201c, also einem inoffiziellen, indirekten, m\u00f6glicherweise auch klandestinen Dialog.[8],[9] Analog dazu bedient sich auch die hybride Kriegsf\u00fchrung dieser Mechanismen, die sich durch stillschweigende wie auch verdeckte Verhandlungen, also indirekten Absprachen zwischen den Konfliktparteien, auszeichnen und \u00fcber das Ausma\u00df der Kampfhandlungen bestimmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-8h32a\">Die russische Annexion der Krim unterschied sich zum Beispiel deutlich in der Durchf\u00fchrung zu den Kampfhandlungen im Donbass. Die russische F\u00f6deration vermied eine direkte milit\u00e4rische Konfrontation mit den ukrainischen Streitkr\u00e4ften und \u00fcbertrug den Gro\u00dfteil der Kampfhandlungen separatistischen Verb\u00e4nden. Russische Streitkr\u00e4fte waren zwar anwesend, nicht aber als ein Bestandteil der aktiv k\u00e4mpfenden Truppen wie im Donbass. Im Gegenzug war die Unterst\u00fctzung der ukrainischen Streitkr\u00e4fte durch NATO-Staaten eher verhalten und zur\u00fcckhaltend, um eine m\u00f6gliche Eskalation zu vermeiden. Der andauernde Konflikt im Donbass ist ohne den Aspekt der latenten Abschreckung nicht denkbar. Nukleare Abschreckung sollte deswegen wieder in das Bewusstsein von Entscheidungstr\u00e4gern r\u00fccken, um Risiken zu minimieren. Hybride Kriegsf\u00fchrung ist eine operative Komponente, die nur unter der Voraussetzung der nuklearen Eskalation bestehen kann.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Die russische Annexion der Krim unterschied sich zum Beispiel deutlich in der Durchf\u00fchrung zu den Kampfhandlungen im Donbass.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"viewer-7cfcp\">Severin Pleyer, Hauptmann, Doktorand zum Thema Nukleare Abschreckung in einer multipolaren Welt; Helmut Schmidt Universit\u00e4t Hamburg\/ Netzwerk Interdisziplin\u00e4re Konfliktanalysen (NIKA); Puplikationen: Prof. Dr. Mei\u00dfner und Severin Pleyer, Zur Nuklearstrategie Russlands, <a href=\"https:\/\/gids-hamburg.de\/zur-nuklearstrategie-russlands\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/gids-hamburg.de\/zur-nuklearstrategie-russlands\/<\/a>. Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors. Diese m\u00fcssen nicht mit jenen der Bundeswehr \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-8fi6q\">[1] Everett Dolman, <em>Pure Strategy: Power and Principle in the Space and Information Age<\/em> (eng) (Hoboken: Taylor and Francis 2012). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-8fi6q\">[2] Thomas C. Schelling, <em>The strategy of conflict: With a new preface]<\/em> (eng), [Nachdr. d. Ausg. 1980] (Cambridge, Mass.: Harvard Univ. Press 2005), 5.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-94n2d\">[3] Michael Mazarr, <em>Understanding Deterrence<\/em> (RAND Corporation 2018), 2. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-94n2d\">[4] James J. Wirtz, \u2018How Does Nuclear Deterrence Differ from Conventional Deterrence?\u2019, <em>Strategic Studies Quarterly<\/em> vol. 12, no. 4 (2018). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-94n2d\">[5] Colin S. Gray, <em>Nuclear strategy and national style<\/em> (eng) (Lanham, Md.: Hamilton Press 1986), 1\u2013100. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-94n2d\">[6] Beyza Unal, Yasmin Afina and Patricia Lewis (eds), <em>Perspectives on nuclear deterrence in the 21st century<\/em>, Research paper \/ Royal Institute of International Affairs (London: Chatham House 2020), 4\u201341.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-16hqk\">[7] Th\u00e9r\u00e8se Delpech, <em>Nuclear deterrence in the 21st century: Lessons from the Cold War for a new era of strategic piracy<\/em> (eng) (Santa Monica, CA: RAND 2012), 145. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-16hqk\">[8] Schelling, <em>The strategy of conflict<\/em>, 4\u201353. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color wp-block-paragraph\" id=\"viewer-16hqk\">[9] Norbert Seewald, <em>Die Logik von Drohung und Vergeltung: Wie Akteure ihren Sicherungsproblemen begegnen<\/em>, Zugl.: M\u00fcnchen, Univ. der Bundeswehr, Diss., 2013 (ger) (Wiesbaden: Springer VS 2014), 38.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abstract: Nukleare Abschreckung ist historisch gewachsen und muss in Ihrer G\u00e4nze betrachtet werden, unter anderem auch in Bezug auf die sogenannte \u201eHybride Kriegsf\u00fchrung\u201c. 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