{"id":2788,"date":"2024-12-16T06:00:05","date_gmt":"2024-12-16T05:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/tdhj.org\/de\/?p=2788"},"modified":"2026-01-26T05:58:35","modified_gmt":"2026-01-26T04:58:35","slug":"putins-hybridoperationen-nuklearangst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tdhj.org\/de\/post\/putins-hybridoperationen-nuklearangst\/","title":{"rendered":"Putins Hybridoperationen im Windschatten der westlichen Nuklearangst"},"content":{"rendered":"<p><strong><u>Abstract:<\/u><\/strong> Der Einsatz der angeblich neuartigen \u201eOreschnik\u201c-Mittelstreckenrakete gegen Dnipro Ende November 2024 sowie die Reform der russischen Kernwaffendoktrin weckten im Westen Sorge vor einer unkontrollierbaren Konflikteskalation. Diese Ereignisse markieren jedoch weniger einen milit\u00e4rischen Meilenstein, sondern stellen vielmehr gezielte Propagandaoperationen des Kremls dar. Dabei verfolgen sie vor allem psychologische und kommunikative Ziele: die Einsch\u00fcchterung westlicher Staaten und die \u00dcberh\u00f6hung russischer Milit\u00e4rf\u00e4higkeiten. Sowohl der Oreschnik-Einsatz als auch die Doktrinreform erweisen sich als Elemente hybrider Kriegsf\u00fchrung, die darauf abzielen, den Westen durch psychologische und rhetorische Man\u00f6ver zu verunsichern, ohne dabei substanzielle milit\u00e4rische Vorteile zu schaffen. Zudem verdeutlicht der experimentelle Einsatz die begrenzte Produktionskapazit\u00e4t der russischen R\u00fcstungsindustrie.<\/p>\n<p><strong><u>Problemdarstellung:<\/u><\/strong> Welche strategischen und politischen Ziele verfolgt Russland mit der psychologischen Kriegsf\u00fchrung durch den Einsatz der \u201eOreschnik\u201c-Rakete und die Reform der Kernwaffendoktrin?<\/p>\n<p><strong><u>Was nun?:<\/u><\/strong> Der Westen sollte sich durch gezielte psychologische Kriegsf\u00fchrung des Kremls nicht einsch\u00fcchtern lassen, sondern mit einer Kombination aus strategischer Gelassenheit, entschlossener Unterst\u00fctzung der Ukraine und verbesserten Informationskampagnen reagieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2789\" aria-describedby=\"caption-attachment-2789\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2789\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2024\/12\/shutterstock_2549456271.jpg\" alt=\"Source: shutterstock.com\/Naeblys\" width=\"500\" height=\"282\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2789\" class=\"wp-caption-text\">Source: shutterstock.com\/Naeblys<\/figcaption><\/figure>\n<h1><strong>Oreschnik-Einsatz als Scheinreaktion des Kremls<\/strong><\/h1>\n<p>Ende November 2024 setzte Russland erstmals in der Kriegsgeschichte eine ballistische Interkontinentalrakete mit einem nicht-nuklearen Hyperschallsprengkopf gegen die ukrainische Millionenstadt Dnipro ein. F\u00fchrende internationale Milit\u00e4ranalysten gehen aktuell davon aus, dass es sich bei der sogenannten \u201eOreschnik\u201c-Rakete um eine Abwandlung der russischen Interkontinentalrakete des Modells RS-26 \u201eRubesch\u201c (NATO-Bezeichnung: SS-X-31) handelt.[1]<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitswirksam erkl\u00e4rte Russlands Staatschef, der Schritt sei eine Reaktion auf \u201edie aggressiven Aktionen der NATO gegen Russland\u201c. Dabei bezog sich Putin auf die Entscheidung der USA, Gro\u00dfbritanniens und Frankreichs, der Ukraine den Einsatz weitreichender Waffen gegen Milit\u00e4rziele auf russischem Territorium zu gestatten.[2] In den internationalen Medien wurde dieses Ereignis mit Sorge aufgenommen und als ein Indiz f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche Bereitschaft Russlands zum Atomwaffeneinsatz, auch jenseits der Ukraine gegen andere europ\u00e4ische Staaten, gelesen.[3]<\/p>\n<blockquote><p>\u00d6ffentlichkeitswirksam erkl\u00e4rte Russlands Staatschef, der Schritt sei eine Reaktion auf \u201edie aggressiven Aktionen der NATO gegen Russland\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<h1><strong>Eine durchorchestrierte Spezialpropagandaoperation<\/strong><\/h1>\n<p>Der unerwartete Einsatz eines experimentellen Waffensystems diente allerdings vor allem als PR-Strategie des Kremls, um die \u00f6ffentliche Meinung im Westen zu beeinflussen, und als Antwort auf den Einsatz westlicher Langstreckenraketen gegen russische Milit\u00e4rziele. Mit Sicherheit war es kein ernstzunehmender Beleg f\u00fcr Russlands tats\u00e4chliche milit\u00e4rische F\u00e4higkeiten. Denn mittlerweile sind starke Indizien f\u00fcr diese These aufgedeckt worden.<\/p>\n<p>Laut Informationen von The Moscow Times, basierend auf Aussagen hochrangiger russischer Regierungsbeamter, orchestrierte der Kreml in Abstimmung mit Generalstab und Geheimdiensten eine gezielte Propagandakampagne unter Einbeziehung sozialer Netzwerke und internationaler Medien rund um die angeblich neuartige und mit mehreren nuklearen Sprengk\u00f6pfen best\u00fcckbare Mittelstreckenrakete \u201eOreschnik\u201c. Das Ziel der Operation war es, die westliche Politik und Gesellschaft einzusch\u00fcchtern, die Angst vor nuklearen Drohungen aus Moskau zu sch\u00fcren und eine \u00fcbertriebene Vorstellung von den F\u00e4higkeiten der russischen R\u00fcstungsindustrie zu erzeugen.[4]<\/p>\n<p>Wie The Moscow Times berichtet, war das inszenierte Telefonat zwischen der Pressesprecherin des russischen Au\u00dfenministeriums, Maria Sacharowa, und dem Kreml-Koordinator f\u00fcr Medien, Alexej Gromow, ein zentraler Bestandteil des sorgf\u00e4ltig orchestrierten Propagandatheaters.[5] W\u00e4hrend einer Pressekonferenz mit ausl\u00e4ndischen Journalisten rief Gromow Sacharowa an und untersagte ihr demonstrativ, den Raketenangriff auf die Waffenfabrik in Dnipro zu kommentieren. Seine Worte waren dabei bewusst so platziert, dass sie \u00fcber das Mikrofon f\u00fcr alle deutlich h\u00f6rbar waren. Den H\u00f6hepunkt der russischen Einsch\u00fcchterungskampagne markierte zweifellos Putins Auftritt beim Gipfel der Organisation des Vertrags \u00fcber kollektive Sicherheit (OVKS). Dort pries der russische Pr\u00e4sident die Eigenschaften der Rakete und erkl\u00e4rte, sie sei weltweit einzigartig.<\/p>\n<p>Das zentrale Problem f\u00fcr Moskau liegt jedoch darin, dass Russland \u00fcber keinen nennenswerten Bestand an \u201eOreschnik\u201c-Systemen verf\u00fcgt. Selbst Putin r\u00e4umte in seiner Rede ein, dass der Angriff auf Dnipro lediglich ein Testeinsatz war. Im Gespr\u00e4ch mit The Moscow Times sagte ein Ingenieur mit Kontakten zum russischen Verteidigungsministerium, dass die russische R\u00fcstungsindustrie aufgrund von \u00fcberbordender B\u00fcrokratie und Innovationsr\u00fcckst\u00e4nden Jahre ben\u00f6tigen w\u00fcrde, um \u201eOreschnik\u201c in Massenproduktion zu bringen. Schlie\u00dflich ben\u00f6tigten selbst vergleichsweise einfache Projekte f\u00fcnf bis sieben Jahre Entwicklungszeit. Der Angriff auf Dnipro w\u00e4re der erste Test von Oreschnik gewesen, damit bliebe die Datenlage f\u00fcr die Einleitung von Serienproduktion ungen\u00fcgend.[6]<\/p>\n<p>Die PR-Operation \u201eOreschnik\u201c ist nur ein Element der psychologischen Kriegsf\u00fchrung des Kremls. Denn auch die j\u00fcngste Reform der russischen Kernwaffendoktrin[7] f\u00fcgt sich nahtlos in Russlands Einsch\u00fcchterungstaktik ein. So wurde Putins Erlass \u201e\u00dcber die Verabschiedung der Grundlagen der Staatspolitik der Russischen F\u00f6deration auf dem Gebiet der nuklearen Abschreckung\u201c \u2013 von wenigen Ausnahmen abgesehen \u2013 international als eine deutliche Erh\u00f6hung des Risikos eines Atomwaffeneinsatzes wahrgenommen.<\/p>\n<blockquote><p>Die PR-Operation \u201eOreschnik\u201c ist nur ein Element der psychologischen Kriegsf\u00fchrung des Kremls.<\/p><\/blockquote>\n<h1><strong>Scheinreform der Kernwaffendoktrin: Anlassgesetzgebung ohne Auswirkungen<\/strong><\/h1>\n<p>Im Mittelpunkt der ge\u00e4nderten Kernwaffendoktrin stehen die Bedingungen f\u00fcr den Einsatz von Atomwaffen, die im Vergleich zur vorherigen Fassung um einen weiteren Punkt erg\u00e4nzt und an einigen Stellen ge\u00e4ndert wurden.[8] Damit k\u00f6nnen Atomwaffen zum Einsatz gebracht werden:<\/p>\n<ul>\n<li>beim Vorliegen zuverl\u00e4ssiger Informationen \u00fcber den Start ballistischer Raketen gegen Russland und seine Verb\u00fcndete;<\/li>\n<li>beim Einsatz von Atomwaffen oder anderen Massenvernichtungswaffen gegen russisches Territorium oder das seiner Verb\u00fcndeten sowie gegen milit\u00e4rische Objekte der Russischen F\u00f6deration, die sich au\u00dferhalb ihres Territoriums befinden;<\/li>\n<li>beim Angriff auf kritische Infrastrukturen, welche die Reaktionsf\u00e4higkeit der nuklearen Streitkr\u00e4fte beeintr\u00e4chtigen;<\/li>\n<li>bei kritischer Bedrohung der Souver\u00e4nit\u00e4t und\/oder territorialen Integrit\u00e4t Russlands und\/oder der Republik Belarus durch einen konventionellen Angriff;<\/li>\n<li>beim Vorliegen zuverl\u00e4ssiger Informationen \u00fcber einen massiven Luftangriff \u2013 unter anderem durch strategische und taktische Flugzeuge, Marschflugk\u00f6rper, Drohnen, Hyperschall- und andere Waffensysteme \u2013 gegen Russland.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die umfassendsten \u00c4nderungen betreffen das Kapitel \u201eDas Wesen der Abschreckung\u201c. Darin postuliert Russland, dass k\u00fcnftig alle Mitglieder einer Koalition als Ziel der nuklearen Abschreckung gelten, wenn eines ihrer Mitglieder Russland angreift. Dies schlie\u00dft auch Staaten ein, die einem Angreifer ihr Territorium, ihre Gew\u00e4sser oder ihren Luftraum f\u00fcr Angriffe auf Russland zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p>Eines der zentralen Elemente der \u00fcberarbeiteten Doktrin sind die Festlegungen, dass ein Grund f\u00fcr einen Nuklearschlag sowohl eine \u201eAggression gegen Russland und seine Verb\u00fcndeten durch einen nicht-nuklearen Staat mit Unterst\u00fctzung eines nuklearen Staates\u201c als auch ein \u201emassiver Luftangriff mit nicht-nuklearen Mitteln\u201c, etwa durch Drohnen, sein kann. Mit diesen martialischen Formulierungen suggeriert Russland ein Herabsenken der Schwelle f\u00fcr den Einsatz von Atomwaffen und signalisiert die Bereitschaft, Atomwaffen auch gegen nicht-nukleare Staaten einzusetzen. Das Ziel ist es, durch die Drohung eines nuklearen Erstschlags in einem konventionellen Konflikt die Ukraine von weiteren Angriffen auf russisches Territorium abzuhalten und zugleich die westlichen Atomm\u00e4chte\u2013Frankreich, Gro\u00dfbritannien und die USA\u2013einzusch\u00fcchtern, damit sie ihre Milit\u00e4rhilfen f\u00fcr die Ukraine \u00fcberdenken. Wohl stehen diese Formulierungen in direktem Zusammenhang mit der Entscheidung der USA, der Ukraine den Einsatz US-amerikanischer Pr\u00e4zisionsraketen gegen Milit\u00e4rziele auf russischem Territorium zu erm\u00f6glichen. Schlie\u00dflich k\u00fcndigte Wladimir Putin diese \u00c4nderung parallel zu den Debatten innerhalb der US-Regierung \u00fcber die Einsatzfreigabe von ATACMS-Raketen f\u00fcr die Ukraine.<\/p>\n<p>Bei n\u00e4herer Betrachtung stellt sich die Kernwaffendoktrin als ein typisches Beispiel f\u00fcr Anlassgesetzgebung heraus und l\u00e4sst ungeachtet bedrohlich klingender Formulierungen nicht auf eine tats\u00e4chliche Eskalation schlie\u00dfen. Denn interessanterweise entlarven gerade die von den internalen Medien mit Schrecken vernommenen Ank\u00fcndigungen den Scheincharakter der Reform. Was zun\u00e4chst wie eine deutliche Ausweitung der Handlungsspielr\u00e4ume des Kremls wirkt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine blo\u00dfe Pr\u00e4zisierung bestehender Positionen. Denn Russland beh\u00e4lt sich das Recht auf einen Erstschlag gegen nicht-nukleare Staaten bereits seit 1993 vor.[9]<\/p>\n<blockquote><p>Was zun\u00e4chst wie eine deutliche Ausweitung der Handlungsspielr\u00e4ume des Kremls wirkt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine blo\u00dfe Pr\u00e4zisierung bestehender Positionen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Scheinhaftigkeit der Reform gelangt auch an zahlreichen weiteren Stellen zum Ausdruck. So stellt die \u00c4nderung der vagen Formulierung einer \u201eexistenziellen Bedrohung des Staates\u201c hin zu einer \u201ekritischen Bedrohung der Souver\u00e4nit\u00e4t und\/oder territorialen Integrit\u00e4t\u201c keine neue Eskalationsstufe dar, sondern bildet lediglich eine sinngem\u00e4\u00dfe R\u00fcckkehr zur Formulierung aus der Milit\u00e4rdoktrin des Jahres 2000. Die ausdr\u00fcckliche Erw\u00e4hnung der Republik Belarus erstreckt die nukleare Abschreckung nur scheinbar auf dieses Land. Denn schlie\u00dflich war Belarus auch bislang von der Formulierung \u201edie Verb\u00fcndeten Russlands\u201c stets mitumfasst.<\/p>\n<p>Die Analyse des Dokuments sorgt unweigerlich f\u00fcr ein D\u00e9j\u00e0-vu: Die Reform der Kernwaffendoktrin 2024 erinnert auffallend an die Verfassungsreform von 2020. Wie damals handelt es sich auch diesmal um in blumige Formulierungen und eine F\u00fclle von Satzzeichen verpackte marginale Pr\u00e4zisierungen ohne nennenswerte praktische Relevanz. W\u00e4hrend die Verfassungsreform prim\u00e4r der Legitimierung einer erneuten Pr\u00e4sidentschaft Wladimir Putins diente und weniger den offiziell verk\u00fcndeten Zielen, verfolgt die Reform der Kernwaffendoktrin keine Klarstellung strategischer Absichten. Stattdessen zielt sie darauf ab, die Taktik unklarer Drohungen und flexibel interpretierbarer roter Linien gegen\u00fcber dem Westen weiter zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<h1><strong>Putins Wille ist Russland einzige Doktrin<\/strong><\/h1>\n<p>Nachdem die doktrin\u00e4ren Bestimmungen Russlands verfassungsrechtlich, vor allem aber machtpolitisch der Deutungshoheit des Pr\u00e4sidenten unterliegen, bieten diese keine verl\u00e4ssliche Grundlage zur Bewertung der Einsatzwahrscheinlichkeit von Kernwaffen an. Auch eine pr\u00e4zisere Begriffswahl \u00e4ndert daran nichts. Ob von einer \u201eexistenziellen Bedrohung\u201c oder einer \u201ekritischen Bedrohung der Souver\u00e4nit\u00e4t Russlands\u201c die Rede ist, bleibt unerheblich. Die Auslegung dieser Begriffe und letztlich die Entscheidung \u00fcber einen Kernwaffeneinsatz liegt allein bei Wladimir Putin. F\u00fcr den Einsatz von Atomwaffen ist zwar ein koordiniertes Zusammenwirken zwischen dem Staatspr\u00e4sidenten, dem Verteidigungsminister und dem Generalstabschef erforderlich. Die Annahme jedoch, dass Verteidigungsminister und Generalstabschef Putin unter Berufung auf die Doktrin daran hindern k\u00f6nnten, erscheint vollkommen unrealistisch.<\/p>\n<p>Denn h\u00e4tte Russlands Machthaber seit Beginn der vollumf\u00e4nglichen russischen Invasion in die Ukraine im Einsatz von Kernwaffen einen klaren Vorteil erblickt, ohne dabei unkontrollierbare Konsequenzen zu riskieren, h\u00e4tte er den Atomwaffeneinsatz\u2013unabh\u00e4ngig von doktrin\u00e4ren Vorgaben\u2013l\u00e4ngst befohlen. Doch wie berechtigt ist eigentlich die Sorge vor einem Atomwaffeneinsatz durch Russland?<\/p>\n<h1><strong>Des Westens Urangst<\/strong><\/h1>\n<p>Am Beginn der sogenannten \u201emilit\u00e4rischen Spezialoperation\u201c am 24. Februar 2022 warnte Wladimir Putin die internationale Gemeinschaft vor einer \u201eEinmischung in den Konflikt\u201c. Alle Versuche, Russland zu bedrohen, w\u00fcrden eine sofortige, nie dagewesene Reaktion zur Folge haben, lautete die martialische Ank\u00fcndigung des Kremlchefs. Mit seiner kaum verhohlenen Drohung, Atomwaffen in einem konventionellen Konflikt einzusetzen, f\u00fchrte Putin eine faktische Ausweitung der offiziellen Nukleardoktrin Russlands herbei und \u00fcberschritt damit rhetorisch die roten Linien konventioneller Kriegsf\u00fchrung. Seit dieser Drohung hat der Westen die Ukraine unter anderem mit weitreichenden Raketensystemen, schweren Kampfpanzern und auch mit F-16-Kampfflugzeugen ausgestattet. Die westlichen Waffenlieferungen erfolgen allerdings unter teilweise monatelangen langwierigen Diskussionen und bei Weitem nicht im erforderlichen Ausma\u00df. Denn die Angst vor einer Konflikteskalation mit Russland ist des Westens st\u00e4ndiger Begleiter.<\/p>\n<blockquote><p>Am Beginn der sogenannten \u201emilit\u00e4rischen Spezialoperation\u201c am 24. Februar 2022 warnte Wladimir Putin die internationale Gemeinschaft vor einer \u201eEinmischung in den Konflikt\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Naheliegenderweise sollte die M\u00f6glichkeit einer potenziellen Eskalation in einem laufenden Konflikt unter direkter Beteiligung einer Atommacht nicht einfach ignoriert werden. Schlie\u00dflich verf\u00fcgt Russland nach Informationen der Federation of American Scientists (FAS) mit rund 5.600 nuklearen Sprengk\u00f6pfen \u00fcber das weltweit gr\u00f6\u00dfte Atomwaffenarsenal.[10] Theoretisch w\u00e4re damit auch eine mehrmalige Zerst\u00f6rung der gesamten Welt m\u00f6glich. Neben den sogenannten strategischen Atomwaffen, welche aufgrund ihrer enormen Reichweite und Zerst\u00f6rungskraft zu Recht als die Waffen des J\u00fcngsten Tages gelten, besitzt Russland auch die im Vergleich dazu deutlich kleiner dimensionierten Sprengk\u00f6pfe, sogenannte taktische Atomwaffen. Diese k\u00f6nnen je nach Gr\u00f6\u00dfe \u00e4hnlich wie konventionelle Waffen zur gezielten Bek\u00e4mpfung gegnerischer Streitkr\u00e4fte im Kampfgebiet in relativer N\u00e4he zu den eigenen Truppen eingesetzt werden.[11]<\/p>\n<p>Allerdings fanden die letzten Tests von Atomwaffen in den 1990er Jahren statt. Angesichts dieses langen Zeitraums dr\u00e4ngt sich die Frage auf, in welchem Ausma\u00dfe diese Waffensysteme \u00fcberhaupt noch einsatzbereit sind. Besonders kritisch ist dabei die Zuverl\u00e4ssigkeit der Tr\u00e4gersysteme zu bewerten. So scheiterten die j\u00fcngsten vier Tests der Sarmat-Interkontinentalraketen allesamt aufgrund technischer Fehlfunktionen.[12] Zwar sind die Tr\u00e4gersysteme f\u00fcr taktische Atomwaffen weniger anf\u00e4llig, doch auch hier bleibt die Frage der Einsatzbereitschaft offen.<\/p>\n<h1><strong>Russland kann durch Atomwaffeneinsatz alles verlieren<\/strong><\/h1>\n<p>Bei den Diskussionen \u00fcber den potenziellen Einsatz russischer Atomwaffen ist aber besonderes Augenma\u00df geboten. Durch das Z\u00fcnden einer einzelnen nuklearen Waffe kann der Krieg wohl kaum zu Gunsten Moskaus entschieden werden. Allerdings wird bereits der Einsatz einer in ihrer Sprengkraft und Reichweite kleineren taktischen Atomwaffe die Russische F\u00f6deration selbst in den Augen ihrer gegenw\u00e4rtigen Sympathisanten zu einem Pariastaat machen, zu einer erdr\u00fcckenden Versch\u00e4rfung des Sanktionsregimes f\u00fchren und eine konventionelle milit\u00e4rische Antwort der internationalen Gemeinschaft provozieren. Damit w\u00e4re ein Atomwaffeneinsatz f\u00fcr Russland nicht nur milit\u00e4risch kaum ertragreich, sondern w\u00fcrde auch die Handlungsoptionen Wladimir Putins enorm einschr\u00e4nken.<\/p>\n<blockquote><p>Durch das Z\u00fcnden einer einzelnen nuklearen Waffe kann der Krieg wohl kaum zu Gunsten Moskaus entschieden werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich muss das oben geschilderte Szenario nicht in dieser Intensit\u00e4t eintreten, dennoch bleibt das Risiko f\u00fcr den Kreml unkalkulierbar hoch. Solange nicht alle anderen, ungleich risiko\u00e4rmeren M\u00f6glichkeiten ausgesch\u00f6pft sind, wird Putin von einem Atomwaffeneinsatz absehen. Denn schlie\u00dflich sieht sich Russland in einen komplexen politisch-milit\u00e4rischen Konflikt mit dem Westen verwickelt. Um aus diesem Konflikt als Sieger hervorzugehen, ist der Einsatz von Atomwaffen nur wenig zielf\u00fchrend. Denn schlie\u00dflich verbindet Russlands langj\u00e4hriger Staatschef strategische Absurdit\u00e4t und taktischen Pragmatismus. An Instrumenten hybrider Kriegsf\u00fchrung mangelt es dem Kreml wahrlich nicht. Damit f\u00fcgt sich die aktuelle Kernwaffendoktrin nahtlos in die \u00e4u\u00dferst erfolgreiche psychologische Kriegsf\u00fchrung Russlands gegen den Westen ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/alexander-dubowy\/\">Alexander Dubowy<\/a>; Risiko- und Politikanalyst, Forscher im Bereich internationale Beziehungen, Sicherheitspolitik und Regionalanalysen mit Schwerpunkt auf Osteuropa, S\u00fcdkaukasus und Zentralasien. Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors.<\/p>\n<hr \/>\n<p>[1] Peter Zellinger, \u201cRusslands Interkontinentalrakete ist nicht so neu, wie behauptet,\u201c <em>Der Standard<\/em>, November 27, 2024,<a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000245934\/russlands-interkontinentalrakete-ist-nicht-so-neu-wie-behauptet\"> https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000245934\/russlands-interkontinentalrakete-ist-nicht-so-neu-wie-behauptet<\/a>.<\/p>\n<p>[2] \u201cZajavlenie Prezidenta Rossijskoj Fedracii,\u201c [\u201cErkl\u00e4rung des Pr\u00e4sidenten der Russischen F\u00f6deration\u201c], <em>Offizielle Website des Pr\u00e4sidenten Russlands www.kremlin.ru<\/em>, November 21., 2024,<a href=\"http:\/\/kremlin.ru\/events\/president\/transcripts\/75614\"> http:\/\/kremlin.ru\/events\/president\/transcripts\/75614<\/a>.<\/p>\n<p>[3] Gernot Kramper, \u201dDie Oreschnik-Rakete \u2013 Putins Weltuntergangswaffe f\u00fcr Europa,\u201c <em>Stern<\/em>, November 23, 2024,<a href=\"https:\/\/www.stern.de\/digital\/technik\/die-oreschnik-rakete---putins-weltuntergangswaffe-fuer-europa-35252980.html\"> https:\/\/www.stern.de\/digital\/technik\/die-oreschnik-rakete&#8212;putins-weltuntergangswaffe-fuer-europa-35252980.html<\/a>; John T Psaropoulos, \u201dRussia threatens Europe with strikes while gnawing at Ukraine\u2019s east,\u201c <em>Al Jazeera English<\/em>, November 28, 2024,<a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2024\/11\/28\/russia-threatens-europe-with-strikes-while-gnawing-at-ukraines-east\"> https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2024\/11\/28\/russia-threatens-europe-with-strikes-while-gnawing-at-ukraines-east<\/a>; Robyn Dixon, \u201cWhat Putin\u2019s nuclear-capable Oreshnik missile means for NATO security,\u201c <em>The Washington Post<\/em>, November 30, 2024, https:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/2024\/11\/30\/russia-oreshnik-missile-nuclear-nato-putin\/.<\/p>\n<p>[4] \u201cSpecial\u2019naja propagandistskaja operacija. \u201aOre\u0161nik\u2018 Putina okazalsja \u201asre\u017eissirovannym \u0161ou\u2018,\u201d [\u201eSpezialpropagandaoperation: Putins \u201aOreschnik\u2018 entpuppt sich als eine \u201ainszenierte Show\u2019\u201d], <em>The Moscow Times<\/em>, https:\/\/www.moscowtimes.ru\/2024\/12\/03\/spetsialnaya-propagandiskaya-operatsiya-oreshnik-putina-okazalsya-srezhissirovannim-shou-a149491.<\/p>\n<p>[5] \u201cRussian spokeswoman ordered not to comment on alleged Ukraine missile strike live on air,\u201d <em>AFP News Agency<\/em>, November 21, 2024,<a href=\"https:\/\/youtu.be\/mVmrJUgu8JM?si=UWLl_drgDHjJrNst\"> https:\/\/youtu.be\/mVmrJUgu8JM?si=UWLl_drgDHjJrNst<\/a>.<\/p>\n<p>[6] \u201cSpecial\u2019naja propagandistskaja operacija. \u201aOre\u0161nik\u2018 Putina okazalsja \u201asre\u017eissirovannym \u0161ou\u2018,\u201c [\u201eSpezialpropagandaoperation: Putins \u201aOreschnik\u2018 entpuppt sich als eine \u201ainszenierte Show\u2018\u201c], <em>The Moscow Times<\/em>, https:\/\/www.moscowtimes.ru\/2024\/12\/03\/spetsialnaya-propagandiskaya-operatsiya-oreshnik-putina-okazalsya-srezhissirovannim-shou-a149491.<\/p>\n<p>[7] \u201cUkaz Prezidenta Rossijskoj Federacii ot 19.11.2024 Nr. 991 \u201aOb utver\u017edenii Osnov gosudarstvennoj politiki Rossijskoj Federacii v oblasti jadernogo sder\u017eivanija\u2018,\u201d [\u201eErlass des Pr\u00e4sidenten der Russischen F\u00f6deration vom 19.11.2024 Nr. 991 vom 19. November 2024 \u201a\u00dcber die Verabschiedung der Grundlagen der Staatspolitik der Russischen F\u00f6deration auf dem Gebiet der nuklearen Abschreckung\u2018\u201c], <em>Offizielles Internetportal f\u00fcr Rechtsinformationen der Russischen F\u00f6deration www.pravo.gov.ru<\/em>,<a href=\"http:\/\/publication.pravo.gov.ru\/document\/0001202411190001\"> http:\/\/publication.pravo.gov.ru\/document\/0001202411190001<\/a>.<\/p>\n<p>[8] Idem.<\/p>\n<p>[9] The Basic Provisions of the Military Doctrine of the Russian Federation, <em>Federation of American Scientists (FAS)<\/em>, https:\/\/nuke.fas.org\/guide\/russia\/doctrine\/russia-mil-doc.html.<\/p>\n<p>[10] Hans Kristensen, Matt Korda, Eliana Johns, Mackenzie Knight, Kate Kohn, \u201cStatus of World Nuclear Forces,\u201c <em>Federation of American Scientists (FAS)<\/em>, M\u00e4rz 29, 2024,<a href=\"https:\/\/fas.org\/initiative\/status-world-nuclear-forces\/\"> https:\/\/fas.org\/initiative\/status-world-nuclear-forces\/<\/a>.<\/p>\n<p>[11] Michael Schrenk, \u201cAtombomben f\u00fcrs Gefechtsfeld,\u201c <em>Truppendienst<\/em>, November 16, 2022, https:\/\/www.truppendienst.com\/themen\/beitraege\/artikel\/atombomben-fuers-gefechtsfeld.<\/p>\n<p>[12] Markus Ackeret, \u201cEin fehlgeschlagener Raketentest kratzt an der Glaubw\u00fcrdigkeit von Russlands nuklearer Drohkulisse,\u201c <em>Neue Z\u00fcrcher Zeitung<\/em>, September 24, 2024,<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/russland-fehlschlag-beim-test-der-interkontinentalrakete-sarmat-ld.1849841\"> https:\/\/www.nzz.ch\/international\/russland-fehlschlag-beim-test-der-interkontinentalrakete-sarmat-ld.1849841<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abstract: Der Einsatz der angeblich neuartigen \u201eOreschnik\u201c-Mittelstreckenrakete gegen Dnipro Ende November 2024 sowie die Reform der russischen Kernwaffendoktrin weckten im Westen Sorge vor einer unkontrollierbaren Konflikteskalation. 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