{"id":2880,"date":"2025-06-09T09:36:22","date_gmt":"2025-06-09T08:36:22","guid":{"rendered":"https:\/\/tdhj.org\/de\/?p=2880"},"modified":"2025-06-09T09:36:22","modified_gmt":"2025-06-09T08:36:22","slug":"strategie-theorie-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tdhj.org\/de\/post\/strategie-theorie-praxis\/","title":{"rendered":"Strategie: Theorien f\u00fcr die Praxis"},"content":{"rendered":"<p><strong><u>Abstract:<\/u><\/strong> Der aus dem Ostr\u00f6mischen Reich stammende Ausdruck \u201eStrategie\u201c bezeichnete urspr\u00fcnglich die Kunst des Feldherrn. Heute wird die Strategie vielschichtiger definiert mit politischen, wirtschaftlichen, geografischen und kulturellen sowie den traditionellen milit\u00e4rischen Dimensionen. Strategie erfordert ein tiefes Verst\u00e4ndnis der Wechselwirkungen zwischen Ressourcen, politischen Zielen und milit\u00e4rischen Mitteln in der Strategieentwicklung, einer praxisorientierten Disziplin, in der Ziele realistisch zu setzen und Optionen bewusst zu priorisieren sind. Im anglo-amerikanischen Raum hat man Strategie traditionell anhand historischer Beispiele gelehrt. Klassische Lehrbeispiele, in denen milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit allein nicht zum Erfolg gef\u00fchrt hat, schlie\u00dfen heute den Koreakrieg, den Vietnamkrieg und sukzessive Afghanistankonflikte ein, an denen man demonstrieren kann, wie Kriege sich in einem Zusammenspiel mit nicht-milit\u00e4rischen Faktoren wie \u00f6ffentlicher Meinung, Diplomatie und wirtschaftlicher St\u00e4rke entwickeln. Erfolgreiche Strategien k\u00f6nnen nur auf dem Meistern eines solchen Zusammenspiel gebaut werden.<\/p>\n<p><strong><u>Problemdarstellung:<\/u><\/strong> Wozu dient es, sich analytisch mit Strategie im abstrakten Sinne oder in konkreten Kontexten zu besch\u00e4ftigen?<\/p>\n<p><strong><u>Was nun?:<\/u><\/strong> Ohne ein Verst\u00e4ndnis der vielen Faktoren, die in die Schaffung von Strategie hineinspielen, kann man sich ihrer nicht in der Praxis bedienen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2882\" aria-describedby=\"caption-attachment-2882\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2882\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/05\/09_Heuser-scaled.jpg\" alt=\"Source: shutterstock.com\/Legacy 1995\" width=\"2560\" height=\"1411\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2882\" class=\"wp-caption-text\">Source: shutterstock.com\/Legacy 1995<\/figcaption><\/figure>\n<h1><strong>Was hei\u00dft und zu welchem Ende studiert man Strategie?<\/strong><\/h1>\n<p>Friedrich von Schiller hat diese Frage just im franz\u00f6sischen Revolutionsjahr 1789 zum Titel seiner ber\u00fchmten Antritts-Vorlesung als Geschichtsprofessor an der Universit\u00e4t Jena gew\u00e4hlt; sein Thema war allerdings nicht die Strategie, sondern die Universalgeschichte. Wichtig war ihm \u2013 und das ist auch im Kontext der vorliegenden Betrachtung ausschlaggebend \u2013, dass es hier um praktische Zwecke eines Studiums geht und nicht lediglich um ein besseres Verst\u00e4ndnis der Realit\u00e4t, obgleich dies der erste Schritt ist. Der Zweite ist dann, aus dem Verst\u00e4ndnis von Zusammenh\u00e4ngen Lehren zu ziehen, die wiederum der praktischen Anwendung zugrunde liegen sollen. Strategie, wie Bernard Brodie richtig sagte, \u201eis nothing if not pragmatic [\u2026] Above all, strategic theory is a theory for action.\u201c[1] Das Ende der Strategie ist also ihre Anwendung, sonst macht es wenig Sinn, sie zu studieren. Dies muss in zwei Schritten erfolgen, erst dem Verst\u00e4ndnis der Konflikt-Situation und ihres Kontextes sowie der Mittel, die man selbst aber auch der Gegner hat, sie zu beeinflussen, um dann zur Anwendung dieser Mittel \u00fcberzugehen.<\/p>\n<h1><strong>Was hei\u00dft \u201eStrategie\u201c?<\/strong><\/h1>\n<p>Es hei\u00dft, die alten Griechen hatten f\u00fcr alles ein Wort. Kurioserweise aber hatten wohl weder sie noch die R\u00f6mer ein Wort f\u00fcr Strategie, wie das Wort heute verstanden wird: Von <em>strategos<\/em> (dem Feldherrn) oder <em>stratos<\/em> abgeleitete Substantive bezeichneten die List o.\u00a0\u00e4.[2] Man kann also lange streiten, ob Griechen und R\u00f6mer (oder auch die Menschen im westeurop\u00e4ischen Mittelalter oder die Generationen und Aber-Generationen von Kulturen au\u00dferhalb von Europa) strategisch dachten oder Strategien praktizierten. Diese Debatte aber ist wohl inzwischen beigelegt, in dem als Strategie Entscheidungen definiert werden, in denen eine Wahl getroffen werden muss zwischen verschiedenen Arten, endliche Mittel einzusetzen:[3] Werden die Abgaben von Bauern und Fischern zuv\u00f6rderst benutzt, um die Stadt zu befestigen, S\u00f6ldner zur Verteidigung anzuheuern oder aber, um den Feind anzugreifen, ehe dieser in eigene Felder und W\u00e4lder eingedrungen ist? Wird in eine Flotte investiert, um Piraten abzuwehren oder in K\u00fcstenbefestigungen? Dies sind strategische Entscheidungen, die im Regelfall \u2013 und auch bei Monarchien \u2013 eine Diskussion zumindest in der Elite um den oder die h\u00f6chsten Entscheidungstr\u00e4ger ausl\u00f6sen wird, in der die verschiedenen Argumente f\u00fcr und wider er\u00f6rtert werden.[4]<\/p>\n<p>Um zur\u00fcckzukommen zur Definition des Begriffes \u201eStrategie\u201c, dieser stammt wohl aus der griechischen Sprache, aber aus dem sp\u00e4ten Gebrauch im Ostr\u00f6mischen Reich und kann nur bis zum Zeitalter des Kaisers Justinians des Gro\u00dfen zur\u00fcckverfolgt werden. Und da meinte er die Kunst des Feldherrn, und dass Wissen, was er ben\u00f6tigte.[5] Schon im 6. Jahrhundert wurde der Strategie in einer Hierarchie die Taktik untergeordnet \u2013 erst im fr\u00fchen 19. Jahrhundert sahen Theoretiker der Strategie eine Notwendigkeit, zwischen Strategie und Taktik noch eine weitere Ebene zu denken, und erst im 20. Jahrhundert f\u00fchrte ein Sohn des Dritten Roms \u2013 der russische Theoretiker Svechin \u2013 den Ausdruck Operative Kunst ein.[6]<\/p>\n<p>Die Byzantiner hatten, verglichen mit dem heutigen Gebrauch des Wortes, eine engere Definition der Strategie. Das Wort wurde verwandt, um den Einsatz von Truppen und Flotten zur Abwehr des Gegners durch den obersten Befehlshaber, den <em>strategos<\/em>, zu bezeichnen.[7] Noch im fr\u00fchen 19. Jahrhundert wurde davon abgeleitet die Strategie von einigen der wichtigsten Denker definiert als der Einsatz von Streitkr\u00e4ften zum Zwecke des Krieges. So schrieb etwa Heinrich Dietrich von B\u00fclow vereinfachend, \u201eDie Wissenschaft der kriegerischen Bewegung, au\u00dferhalb des gegenseitigen Gesichtskreises, zweier mit einander kriegf\u00fchrenden Heere, oder [&#8230;] au\u00dferhalb des Wirkungskreises des groben Gesch\u00fctzes, au\u00dferhalb des Kanonenschusses usw. ist Strategie.\u201c,[8] und Jomini hat definiert, die Strategie sei \u201edie Kunst, den gr\u00f6\u00dften Teil der Streitkr\u00e4fte eines Heeres auf den wichtigsten Punkt des Kriegstheaters oder der Operations-Zone zu f\u00fchren.\u201c[9] Die byzantinische Definition war insofern der Ausgangspunkt der modernen Definitionen als sie nicht, wie in der Antike, einfach nur \u201edas zum Heer Geh\u00f6rende\u201c oder Strategem bedeutete \u2013 \u00dcberraschungseffekt, Trick, List. Und die erste \u00dcbersetzung des wichtigsten der byzantinischen Werke \u2013 dem Kaiser Leo VI. dem Weisen zugeschrieben (um 900) \u2013 ins Franz\u00f6sische und Deutsche brachte auch das neue Wort \u201e<em>strat\u00e9gie<\/em>\u201c bzw. \u201eStrategie\u201c Mitte des 18. Jahrhunderts in den Westen.<\/p>\n<p>Welche Wissenschaften sollte der Feldherr beherrschen? Interessanterweise findet sich schon bei Leo VI. eine Aufschl\u00fcsselung nach Disziplinen, die gewisse \u00c4hnlichkeiten hat mit den Dimensionen der Strategie, wie sie heute verstanden wird. Nur ist der ostr\u00f6mische Kaiser sie vom notwendigen Wissen herangegangen, das der oberste Feldherr haben m\u00fcsse. Dies sollte einschlie\u00dfen Geographie, Klima, Flora und Fauna aber auch Demographie \u2013 in der Antike war bekannt, dass verschiedene V\u00f6lker verschiedene Einstellungen zum Krieg haben und auf verschiedene Art Krieg f\u00fchren, aber auch, dass verschiedene Staatsverfassungen verschiedene Arten der Rekrutierung von Soldaten vorsahen. Da gab es jene wie Athen und Sparta, in denen alle freien M\u00e4nner \u2013 allerdings damit nur ein kleiner Teil dieser Sklavengesellschaften \u2013 Kriegsdienst versehen mussten. Da gab es andere Stadtstaaten und V\u00f6lker, die zu ihrem Schutz S\u00f6ldner anheuerten, und es gab V\u00f6lker oder St\u00e4mme, die sich auf besondere Arten der Kriegsf\u00fchrung spezialisierten, etwa den Krieg zur See oder die Artillerie, und ihre M\u00e4nner an andere Politien vermieteten. Die Wissenschaft des Artilleristen \u2013 die Berechnung des Flugbogens von aus Trebuchets abgefeuerten Wurfgeschossen \u2013 war nat\u00fcrlich auch dem Feldherrn wichtig sowie die des Entwurfs und der Bautechnik von Belagerungsmaschinen. Denn der Feldherr musste auch die Kunst der Befestigung in allen ihren Aspekten beherrschen, wie die der Belagerung \u2013 und daf\u00fcr hatten allerdings auch schon die alten Griechen ein Wort gehabt, <em>poliorketikon<\/em> oder verlateinischt, <em>poliorcetia<\/em>. Weiter sollte er wissen, wie man ein tempor\u00e4res Lager errichtet und befestigt; er musste wissen, was er seinen Soldaten physisch zumuten konnte. Dies schloss auch ein, sie im eng gepackten Lager vor Seuchen, in W\u00fcsten vor Dehydration, in Sumpfgebieten vor Cholera und nach Schlachten vor Wundfieber zu sch\u00fctzen. Und schlie\u00dflich sollte er die Politik verstehen und Geschichte \u2013 vorwiegend wohl die Geschichte vergangener Kriege und Feldz\u00fcge \u2013 kennen und aus ihnen Lehren ziehen.<\/p>\n<p>Das Werk Leos steht also am Ausgang westlichen Schreibens \u00fcber Strategie. Schon fr\u00fchere Schriften hatten sich mit dem Thema befasst, aber ohne dieses Wort zu benutzen. Man umschrieb es oder benutzte die Ausdr\u00fccke Kriegskunst oder Kriegswissenschaft oder versuchte gar nicht erst, einen Ausdruck zu finden. Der gro\u00dfe Guibert schrieb gar \u201e<em>tactique<\/em>\u201c f\u00fcr das, was heute Strategie meint. Bei Kriegskunst oder -wissenschaft vermischte man oft sehr praktische (technische und taktische) Empfehlungen \u2013 etwa zur Idealgr\u00f6\u00dfe der Schlachtr\u00f6sser, wie ihre F\u00fctterung zu gew\u00e4hrleisten sei, oder zur Aufstellung bei Nachtm\u00e4rschen \u2013 mit \u00dcberlegungen einer politischeren Natur. Von der Antike bis hin zu Zeitgenossen von Clausewitz etwa legten Strategietheoretiker gro\u00dfen Wert auf die Gerechtigkeit der eigenen Sache im Kriege, denn, wie der heidnische R\u00f6mer Onosander schrieb, es m\u00fcsse im Kriege klargestellt werden,<\/p>\n<blockquote><p>\u201edass man auf der Seite der Gerechtigkeit (<em>met\u00e1 tou d\u00edkaiou<\/em>) k\u00e4mpft. Denn dann werden auch die G\u00f6tter uns gut gesonnen sein und die Soldaten [\u2026] werden mehr gewillt sein, gegen den Feind anzugehen. Denn mit dem Wissen, dass sie keinen Angriffskrieg, sondern einen Verteidigungskrieg k\u00e4mpfen, mit Gewissen, die frei sind von b\u00f6sen Zielen, werden sie vollkommenen Mutes sein, w\u00e4hrend jene, die meinen, dass ein ungerechter Krieg dem Himmel missf\u00e4llt, den Krieg mit Furcht angehen [\u2026].\u201c[10]<\/p><\/blockquote>\n<p>Und damit war der Kampf nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch um die Moral der Soldaten und um die \u00f6ffentliche Meinung ein Topos in der Strategieliteratur. Clausewitz\u2019 Lehrgangskamerad und sp\u00e4terer Kollege in der preu\u00dfischen Allgemeinen Kriegsschule, Otto August R\u00fchle von Lilienstern, sagte direkt, es k\u00e4me<\/p>\n<blockquote><p>\u201efast bei allen Kriegen wegen des politischen Zusammenhanges, in welchem die Gesamtheit der kultivierten Staaten sich mit einander befindet[,] fast ebenso sehr darauf an, welchen Eindruck der Gang und die Resultat des Krieges auf die \u00f6ffentliche Meinung und auf das Interesse der \u00fcbrigen einstweilen neutral gebliebenen Staaten machen,\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>wie auf Sieg oder Niederlage im Felde. Denn das Ringen findet auch auf politischer Ebene statt und mag \u00fcber den Augenblick milit\u00e4rischen Sieges (oder Niederlage) weit hinausgehen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEin augenblicklich erworbner Vortheil, die zeitige Dem\u00fcthigung des Feindes, eine noch so gl\u00e4nzende Eroberung sind f\u00fcr den Staat, dessen Existenz f\u00fcr Jahrhunderte berechnet und gesichert werden mu\u00df, von geringem Werthe, wenn nicht die Aussicht da ist, diese Vortheile und Erwerbungen dauernd behaupten zu k\u00f6nnen, oder wenn dadurch die Besorgni\u00df einer neuen gr\u00f6\u00dferen Gefahr begr\u00fcndet wird.\u201c[11]<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese R\u00fccksicht auf die \u201e\u00f6ffentliche Meinung\u201c und dem, was heute unter \u201einternationale Gesellschaft\u201c (<em>international community<\/em>) verstanden wird \u2013 R\u00fchle nannte es \u201eden politischen Verband der Staaten\u201c \u2013<\/p>\n<blockquote><p>\u201etragen zum gro\u00dfen Theile dazu bei, warum der rechtliche Grund zum Kriege oft von so wesentlichem Nutzen ist, warum selbst \u00fcberm\u00e4chtige Staaten ihre Fehden wenigstens zu besch\u00f6nigen suchen, und sich selbsteigen M\u00e4\u00dfigung im Siege gebieten.\u201c[12]<\/p><\/blockquote>\n<p>Die (recht freie) \u00dcbersetzung von Leos Werk ins Franz\u00f6sische und ins Deutsche trat eine Lawine von Schriften zur Strategie los unter denen Clausewitz\u2019 <em>Vom Kriege <\/em>lediglich das letzte, wenn auch das umfassendste war. Dabei hagelte es nur so mit Definitionen, die alle noch bis ins sp\u00e4te 19. Jahrhundert recht beschr\u00e4nkt um Truppenbewegungen und Schlachten kreisten.[13] Eine Ausnahme muss hier erw\u00e4hnt werden, n\u00e4mlich der von Clausewitz geschm\u00e4hte (wohl teils, weil als Konkurrenz empfundene) Dietrich Heinrich von B\u00fclow. Dieser kam schon um 1800 zu dem Ergebnis, dass man \u00fcber einer rein milit\u00e4rischen Auslegung des Strategiebegriffes noch eine politischere brauche, in der \u00dcberlegungen der Diplomatie eine gro\u00dfe Rolle spielen m\u00fcssten. Er schlug den Ausdruck \u201epolitische Strategie\u201c vor,[14] f\u00fcr das, was Amerikaner heutzutage \u201egrand strategy\u201c nennen, wie noch zu zeigen ist.<\/p>\n<p>Danach begannen erst nach dem Ersten Weltkrieg einzelne Denker, allen voran der Brite Basil Liddell Hart, den Begriff noch weiter, noch politischer auszulegen. Im Kontext der Weltkriege definierte Liddell Hart \u201eThe role of grand strategy \u2013 higher strategy \u2013 is to coordinate and direct all the resources of a nation, or band of nations, towards the attainment of the political object of the war \u2013 the goal defined by fundamental policy.\u201c[15]<\/p>\n<p>Diese, und viele andere, Definitionen kann man wie folgt zusammenfassen: Strategie verfolgt in einem Konflikt politische Ziele (was etwa rein kriminelle Operationen ausschlie\u00dft), einschlie\u00dflich durch Androhung oder tats\u00e4chliche Anwendung von Gewalt, in der Absicht, die eigenen Ziele zu verwirklichen oder zumindest der anderen Seite den Erfolg zu verwehren. Es muss mindestens zwei Seiten in einem Konflikt geben; oft gibt es mehr, etwa Staaten oder andere Akteure, die die eine oder andere Konfliktpartei direkt oder indirekt unterst\u00fctzen. Diese Seiten stehen in Wechselwirkung, so dass eine Strategie selten erfolgreich sein wird, wenn sie keine Anpassungsf\u00e4higkeit aufweist.[16] Strategische Entscheidungen m\u00fcssen meist unter begrenzten Mitteln und Ressourcen priorisieren und \u00fcberlegen, wie sie am kl\u00fcgsten anzuwenden sind. Begrenzte Mittel und Anwendungsm\u00f6glichkeiten (Wege) zwingen oft zur Beschr\u00e4nkung der Ziele (oder Zwecke, oder, wie Schiller sagen w\u00fcrde, \u201eEnden\u201c \u2013 siehe oben); gro\u00dfer Erfolg dagegen kann zur Erweiterung der Ziele f\u00fchren, wobei sich aber Strategen von Alexander dem Gro\u00dfen bis Saddam Hussein da oft \u00fcbernommen haben.<\/p>\n<h1><strong>Zu welchen Enden studiert man Strategie?<br \/>\nErster Schritt: Verst\u00e4ndnis<\/strong><\/h1>\n<p>Wenn der Erfolg im Kriege immer schlicht auf der Seite der \u201egr\u00f6\u00dferen Bataillone\u201c[17] zu finden w\u00e4re, w\u00fcrde es kaum Kriege geben \u2013 beide Seiten k\u00f6nnten ihre eigene St\u00e4rke mit der des Gegners vergleichen, und der Ausgang des Konfliktes w\u00e4re vorbestimmt: Die schw\u00e4chere Seite m\u00fcsste schlicht nachgeben oder sie w\u00fcrde sich hoffnungslos aufopfern. Im Nachhinein gesehen gab es durchaus solche Kriege, deren Ausgang schlicht von der Gr\u00f6\u00dfe der Streitkr\u00e4fte abhing. Aber die Kriegskunst besteht nicht nur aus den zur Verf\u00fcgung stehenden oder f\u00fcr einen bestimmten Krieg generierten Mitteln, sondern auch aus der Art, wie man sie einsetzt \u2013 das ist letztlich die Kunst. Und in den allermeisten F\u00e4llen wird es nur dann zum Krieg kommen, wenn beide Seiten meinen, sie w\u00fcssten ihre Mittel \u2013 ob \u00e4hnlich oder unterschiedlich gro\u00df \u2013 so einzusetzen, dass sie obsiegen k\u00f6nnten. Es ist selten, dass in bewaffneten Konflikten nicht irgendeine Art der Asymmetrie existiert \u2013 ob es nun gr\u00f6\u00dfere und kleinere Streitkr\u00e4fte, leichtere Versorgung durch k\u00fcrzere \u201einnere Linien\u201c der Logistik, ungleich-gro\u00dfer Unterst\u00fctzung des Krieges durch die Bev\u00f6lkerung oder Asymmetrie in einer der vielen anderen Dimensionen der Strategie ist.<\/p>\n<p>Der anglo-amerikanische Kriegswissenschaftler Colin S. Gray hat in seiner Analyse, die das amerikanische Net Assessment des Andrew Marshall mit gepr\u00e4gt hat, 17 Dimensionen der Strategie identifiziert, in denen man die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen von Gegnern mit einander vergleichen kann und an denen man Strategien analysieren oder auch entwickeln kann.[18] Diese sind: ethische Dimensionen, die Gesellschaft, die Geographie, die Politik, die Menschen, ihre Kultur; Kriegstheorien, Kommandostrukturen und wie sie das Milit\u00e4r mit der politischen F\u00fchrung verbinden; Wirtschaft und Logistik; die Organisation des Milit\u00e4rs einschlie\u00dflich der Verteidigungspolitik und -planung, die Vorbereitung des Milit\u00e4rs auf Eins\u00e4tze, d. h. die Verwaltung, waffentechnische Forschung und Entwicklung, Beschaffung, Rekrutierung der Streitkr\u00e4fte, ihre Ausbildung und Training, ihre zahlenm\u00e4\u00dfige St\u00e4rke; Operationen, die zur Verf\u00fcgung stehende Technologie, Informationen und Nachrichtenwesen; der Gegner und schlie\u00dflich die unbeherrschbaren Faktoren Friktion, Zufall und Ungewissheit sowie die Zeit.[19] F\u00fcr Colin Gray waren alle Dimensionen im Endeffekt gleich wichtig in ihrer Auswirkung auf Strategie, weil ihre Beziehungen gegenseitig blockierend oder bef\u00e4higend sind.<\/p>\n<p>Die Autorin dieses Aufsatzes listet sie folgenderma\u00dfen auf, wobei die strategischen Dimensionen beider Gegner in Wechselwirkung mit einander stehen und weiter viele der Dimensionen sich gegenseitig beeinflussen: Und dann m\u00fcsste man noch, Colin Gray folgend, die wenig beeinflussbaren externen Gr\u00f6\u00dfen: Friktion, Zufall, Ungewissheit sowie die Zeit einf\u00fcgen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2881\" aria-describedby=\"caption-attachment-2881\" style=\"width: 1098px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2881\" src=\"https:\/\/tdhj.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/05\/09_Heuser_01.jpg\" alt=\"Strategie ist nie allein abh\u00e4ngig von der Potenz einzelner Streitkr\u00e4fte. Sie basiert auf vielfachen Dimensionen, die sich gegenseitig bedingen, nach innen und au\u00dfen sowie in der Gegen\u00fcberstellung eigener Verfasstheiten (blau) und die des Gegners (rot), in zus\u00e4tzlicher Abh\u00e4ngigkeit schwer beeinflussbarer Faktoren; Source: Autorin.\" width=\"1098\" height=\"1100\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2881\" class=\"wp-caption-text\">Strategie ist nie allein abh\u00e4ngig von der Potenz einzelner Streitkr\u00e4fte. Sie basiert auf vielfachen Dimensionen, die sich gegenseitig bedingen, nach innen und au\u00dfen sowie in der Gegen\u00fcberstellung eigener Verfasstheiten (blau) und die des Gegners (rot), in zus\u00e4tzlicher Abh\u00e4ngigkeit schwer beeinflussbarer Faktoren; Source: Autorin.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Einige Dimensionen bed\u00fcrfen der n\u00e4heren Erkl\u00e4rung. Die der Geographie zusammen mit Klima, Flora und Fauna hatte schon Kaiser Leo identifiziert, und sie versteht sich von selbst. F\u00fcr den Einsatz in der W\u00fcste oder im Norden Skandinaviens werden verschieden ausgestattete Streitkr\u00e4fte ben\u00f6tigt. Eine Fregatte, deren K\u00fchlsystem auf die kalten Gew\u00e4sser der Nordsee konstruiert ist, wird im Roten Meer Schwierigkeiten haben.<\/p>\n<p>Die jeweiligen Demographien an einem bewaffneten Konflikt beteiligter Parteien haben an sich schon viele Dimensionen. Nat\u00fcrlich z\u00e4hlt allein schon die Masse, aber innerhalb dieser ist auch bestimmend, welche Proportion der Bev\u00f6lkerung in einem verteidigungsf\u00e4higen Alter ist \u2013 das Bild sieht hier sehr anders aus in den muslimischen L\u00e4ndern mit ihrem \u00dcberschuss insbesondere an arbeitslosen jungen M\u00e4nnern als etwa in China nach langen Jahren der Ein-Kind-Politik oder in Japan und Europa mit ihren alternden Bev\u00f6lkerungen. Sp\u00e4testens bei diesem Punkt ist von gro\u00dfer Bedeutung, ob ein Staat Verb\u00fcndete hat und was deren Dimensionen sind, angefangen mit den demographischen. F\u00fcr ein mittelgro\u00dfes Land wie Deutschland ist dies von zentraler Bedeutung.<\/p>\n<p>Die Bodensch\u00e4tze und anderen wirtschaftlichen Ressourcen eines Landes bestimmen seine Abh\u00e4ngigkeit oder Unabh\u00e4ngigkeit von Verb\u00fcndeten oder neutralen Handelspartnern. Was die Industrie, einschlie\u00dflich der Waffenindustrie und -technologie zur Unterst\u00fctzung eines Krieges leisten kann, h\u00e4ngt sowohl von Ressourcen ab als auch vom Niveau der Technologie in Industrie und anderen Forschungseinrichtungen. Wie die Wirtschaft mobilisiert werden kann und den Krieg unterst\u00fctzen kann, h\u00e4ngt nicht zuletzt von vorhandener milit\u00e4rischer und ziviler Infrastruktur ab. Wieder spielen Verb\u00fcndete unter Umst\u00e4nden eine h\u00f6chst wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Als Funktion der diversen St\u00e4rken eines Landes \u2013 Ressourcen, Exportmonopole, strategische oder wirtschaftliche St\u00fctzpunkte, Verb\u00fcndete, politische M\u00f6glichkeiten der Einflussnahme \u2013 sind die nicht-milit\u00e4rischen Mittel ebenfalls Instrumente der Staatskunst. Wichtig dabei ist auch die Propaganda, das Ringen um die \u00f6ffentlichen Meinungen \u2013 zu Hause sowie international.<\/p>\n<p>Bei der Bev\u00f6lkerung z\u00e4hlt nat\u00fcrlich die Masse derer im verteidigungsf\u00e4higen Alter, wie schon erw\u00e4hnt. Aber es z\u00e4hlt auch der feste Wille, sich zu verteidigen, die Kriegst\u00fcchtigkeit, die Opferbereitschaft oder die Abwesenheit dieser moralischen Faktoren. Daraus folgen Rekrutierungsm\u00f6glichkeiten \u2013 ist eine Gesellschaft bereit zur Wehrpflicht? \u2013 und Streitkr\u00e4ftest\u00e4rken, die nicht eine rein lineare Funktion der Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6\u00dfe sind. Es kommen weitere kulturelle Faktoren dazu, einschlie\u00dflich der Werte und ethischen Prinzipien: H\u00e4lt die Kultur Menschen- und V\u00f6lkerrecht hoch oder glaubt man unterschwellig, der St\u00e4rkere habe nun mal recht, und ein Mensch sei nur dann ein freier Mensch, wenn er oder sie eine Schusswaffe besitzt, oder ein Mann habe nur dann Ehre, wenn er eine Beleidigung mit einer Keilerei oder Blutvergie\u00dfen in anderer Form ahndet?<\/p>\n<p>Mit anderen kulturellen und moralischen Faktoren h\u00e4ngt auch die Staatsverfassung zusammen. Schon in der Antike sahen Griechen einen Zusammenhang zwischen dieser und einer aggressiven bzw. defensiven Gesinnung, zwischen Kriegst\u00fcchtigkeit und Verteidigungswilligkeit oder Schw\u00e4che, ein Nexus, den Montesquieu aufgriff.[20] Weiter ist die Staatsverwaltung ein f\u00f6rderlicher oder hindernder Faktor bei der Verteidigung, letzteres wenn die Regierungsorgane zu schwerf\u00e4llig und b\u00fcrokratisch sind, <em>too much red tape.<\/em><\/p>\n<p>Wie steht es weiter in dem Staat um technische Forschung und Entwicklung von Waffensystemen, aber auch von Anderem, was sich im Kriegsfall pl\u00f6tzlich als n\u00fctzlich und wichtig erweisen kann, wie etwa alternativen Rohstoffen oder Rohstoffquellen oder logistischen Arrangements? Wichtig ist nat\u00fcrlich auch, wie schnell die Produktionsraten von Waffen und Waffensystemen erh\u00f6ht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dann kommt die Frage nach dem Milit\u00e4r selbst. Wie steht es um seine Verteidigungsdoktrin, um Ausbildung und Training der Streitkr\u00e4fte, um die F\u00e4higkeit seiner f\u00fchrenden Offiziere, strategisch zu denken? Wie steht es um seine Aufkl\u00e4rung: Haben seine Anf\u00fchrer die relevanten Informationen \u00fcber die Ressourcen und Streitkr\u00e4fte des Gegners und das n\u00f6tige Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine Logik?<\/p>\n<p>Diese verschiedenen Dimensionen sind komplex miteinander verwoben. Man nehme z.\u00a0B. die industrielle Produktion eines Landes und Sanktionen, die die Ausfuhr in ein gegnerisches Land beschneiden sollen. Will man dem Gegner etwa kriegsrelevante Importe aus dem eigenen Land verwehren, wird man gleichzeitig der eigenen Industrie gro\u00dfe Einbu\u00dfen bereiten. Wird dies die Industrie verschmerzen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Oder man nehme den Nexus zwischen Wirtschaft und Verteidigungsf\u00e4higkeit: Ist das Land schon im Friedenszustand ein Waffenproduzent oder in erster Linie ein K\u00e4ufer? Was w\u00fcrde es im Verteidigungsfalle kosten, die Wirtschaft eines Landes auf eine Kriegswirtschaft umzustellen? W\u00fcrde dies wie in den USA im Zweiten Weltkrieg zu einer Ankurbelung der Gesamtwirtschaft f\u00fchren oder zu einer Verarmung durch eine solche Umstellung auf ihrerseits nicht-produktive, auf Staatskosten hergestellte Produkte? Weiter, wie wirken sich entsprechende Entscheidungen in verb\u00fcndeten L\u00e4ndern aus?<\/p>\n<p>Dann von der demographischen Perspektive gesehen, w\u00fcrde es bei gleichzeitiger Massenmobilisierung an Arbeitskr\u00e4ften in der Industrie fehlen oder w\u00fcrden sich bei hohen Arbeitslosenziffern in Friedenszeiten bei einer solchen Umstellung der Industrie gegenseitig f\u00f6rderliche Tendenzen ergeben? Wird es zwischen Industrie und Milit\u00e4r einen Wettkampf um Arbeitskr\u00e4fte mit einschl\u00e4gigen Kenntnissen geben? Was f\u00fcr einen Einfluss haben kulturelle Faktoren? Steht die Bev\u00f6lkerung des Landes so solidarisch hinter dem Krieg, dass ihre wehrf\u00e4higen Mitglieder willens sind, ihr Leben zu riskieren? Welcher Prozentsatz der Wehrf\u00e4higen wird das Land verlassen, um einer Einberufung zu entgehen? Kann man diese halten, in dem man sie in kriegsrelevanten Teilen der Wirtschaft verpflichtet?<\/p>\n<p>Kurzum, es wird ersichtlich, dass die Dimensionen einander beeinflussen.<\/p>\n<p>Die Analyse dieser grundlegenden und miteinander verwobenen Dimensionen hilft etwa, Fragen wie diese zu beantworten:<\/p>\n<blockquote><p>Warum haben die USA im Koreakrieg 1950 bis 1953 keine Kernwaffen eingesetzt?<\/p><\/blockquote>\n<p>Der auf amerikanischer Seite im Koreakrieg befehlshabende General Douglas MacArthur war daf\u00fcr. Dies w\u00e4re bei Weitem der einfachste Weg gewesen, die Nordkoreaner und ihre Verb\u00fcndeten <em>milit\u00e4risch<\/em> zu besiegen, und es ist vorstellbar, dass das kommunistische Regime in Nordkorea unter Kim-Il-Sung, der Gro\u00dfvater des heutigen Diktators, dabei zu Fall gebracht worden w\u00e4re und das gesamte Korea vom Kommunismus h\u00e4tte befreit werden k\u00f6nnen. Offensichtlich haben nicht-milit\u00e4rische \u00dcberlegungen eine gro\u00dfe Rolle gespielt. General MacArthur verstand diese nicht-milit\u00e4rischen Dimensionen der politischen Strategie nicht. Die \u00f6ffentliche Meinung, insbesondere in Asien, sah den amerikanischen Einsatz von Atombomben gegen Japan 1945 sehr kritisch. Im Kontext der Dekolonialisierung \u2013 Indien etwa war erst ein Jahr vor Ausbruch des Koreakrieges unabh\u00e4ngig geworden und hatte eine laute Stimme in der Bewegung der B\u00fcndnisfreien L\u00e4nder \u2013 wurde dieser Atombomben-Einsatz als rassistischer Kampf der Wei\u00dfen gegen Asiaten interpretiert. MacArthur meinte dagegen auch zehn Jahre sp\u00e4ter noch: \u201eThere is no substitute for victory.\u201c[21] 1951 kostete ihn dies seinen Posten.<\/p>\n<blockquote><p>Warum haben sich die Briten und Franzosen in der Suezkampagne 1956 pl\u00f6tzlich zur\u00fcckgezogen und die Israelis im Stich gelassen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Regierung von Gro\u00dfbritanniens und Frankreichs Verb\u00fcndeten USA (wie auch der gr\u00f6\u00dfere Teil der Regierungen rund um die Welt) hielt diese Intervention f\u00fcr v\u00f6lkerrechtswidrig. Um sie abzubrechen, benutzte Washington eines seiner nicht-milit\u00e4rischen Machtinstrumente, seine Finanzraft, um das britische Pfund Sterling auf dem Weltmarkt so empfindlich unter Druck zu setzen, dass die britische Regierung sich gen\u00f6tigt f\u00fchlte, diesem Druck nachzugeben und sich aus der erfolgversprechenden Operation zur\u00fcckzuziehen. Frankreich und Israel waren alleine nicht stark genug, die Operation zu Ende zu f\u00fchren und so scheiterte sie. In London und Paris hatte man in die strategische Planung nicht miteinbezogen, wie schwach beide L\u00e4nder im Verh\u00e4ltnis zu den USA waren und was es bedeuten w\u00fcrde, den gro\u00dfen Verb\u00fcndeten gegen sich zu haben.<\/p>\n<blockquote><p>Warum haben die Franzosen 1962 Algerien aufgegeben, obwohl sie fast milit\u00e4risch gewonnen hatten?<\/p><\/blockquote>\n<p>Frankreich war seit 1956 im Aufstandsbek\u00e4mpfungsmodus in Algerien im Krieg. 1960 gelang Frankreichs erster Atombombentest \u2013 im von Frankreich noch formal beherrschten Algerien. Der franz\u00f6sische Milit\u00e4reinsatz in Algerien schien erfolgversprechend, und ein Sieg \u00fcber die Aufst\u00e4ndischen war 1961 in Sicht. Dennoch stimmten dreiviertel der algerischen Bev\u00f6lkerung im Januar 1961 f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit von Frankreich. Als sich abzeichnete, dass daher die franz\u00f6sische Regierung unter Pr\u00e4sident Charles de Gaulle und Premier Pierre Mendez France mit den Aufst\u00e4ndischen in Verhandlung treten wollte und bereit war, Algerien seine Unabh\u00e4ngigkeit zu gew\u00e4hren, organisierten vier Generale im Ruhestand, die alle in Algerien gek\u00e4mpft hatten, einen Putsch. Die Generale verstanden den gr\u00f6\u00dferen, weltpolitischen Kontext nicht. Die franz\u00f6sischen Streitkr\u00e4fte in Algerien blieben aber weitgehend der Regierung treu und der Putsch der Generale wurde zu Fall gebracht.<\/p>\n<blockquote><p>Warum haben die USA gegen die milit\u00e4risch viel schw\u00e4cheren Kommunisten in Vietnam verloren? Bzw. warum haben die milit\u00e4risch viel schw\u00e4cheren Kommunisten gewonnen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Rein rechnerisch h\u00e4tten die amerikanischen \u201egr\u00f6\u00dferen Bataillone\u201c gewinnen m\u00fcssen. Die Dominotheorie der sukzessiven amerikanischen Regierungen, die besagte, man m\u00fcsse dem Kommunismus in Vietnam Einhalt gebieten, damit nicht noch weitere L\u00e4nder Asiens dem Kommunismus zufallen w\u00fcrden in einem weltweiten Ringen zwischen dem Kommunismus und der Freien Welt, stie\u00df aber bei der amerikanischen Bev\u00f6lkerung auf Unverst\u00e4ndnis. Auch andere Verb\u00fcndete der USA wie etwa die Regierung Gro\u00dfbritanniens glaubten nicht an diese Dominotheorie. Zus\u00e4tzlich waren die Faktoren innerhalb von Vietnam \u2013 die Ausdauer der Kommunisten, die Korruption der von den USA gest\u00fctzten Regierung in S\u00fcdvietnam \u2013extrem wichtig.<\/p>\n<blockquote><p>Warum sind die milit\u00e4risch st\u00e4rkeren UdSSR sowie die USA und ihre NATO-Verb\u00fcndeten in Afghanistan gescheitert?<\/p><\/blockquote>\n<p>Als Mitte der 2000er Jahre das Milit\u00e4rgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam ein Taschenbuch f\u00fcr den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan herausgab, hat man (wahrscheinlich unbewusst) Kaiser Leos Empfehlung befolgt, Geographie, Flora und Fauna zu beschreiben sowie eine Mini-Geschichte des Landes einzuschlie\u00dfen.[22] Das Institut h\u00e4tte allerdings besser daran getan, auch \u00fcber die mehrfachen katastrophalen Versuche ausl\u00e4ndischer Eindringlinge in diese Gegend von der Armee Alexanders des Gro\u00dfen bis zur Sowjetarmee 1979 bis 1989 und ihre epischen Niederlagen Forschung zu betreiben. Daraus h\u00e4tte man f\u00fcr die Regierung der Bundesrepublik und auch verb\u00fcndeten Regierungen Warnungen ableiten k\u00f6nnen, was die F\u00e4higkeit anging, Afghanistan in eine stabile Demokratie zu verwandeln, wie es 2003 in der Definition des strategischen Ziels der NATO-Intervention in Afghanistan hie\u00df.[23]<\/p>\n<p>Besonders viele nicht-milit\u00e4rische Dimensionen der strategischen Balance zwischen den Gegnern im Afghanistankrieg 2001 bis 2021 k\u00f6nnen hier die Komplexit\u00e4t der Strategie illustrieren. Die ethnische und kulturelle Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerungen in Afghanistan \u2013 und dabei die besonders fanatische und martialische Kultur der Taliban \u2013 die Lage und innere Geographie des Landes, die Einfl\u00fcsse externer Akteure, all dies spielte eine Rolle sowie die politische Zaghaftigkeit, mit der die Bundeswehr eingesetzt wurde. Schlie\u00dflich und letztlich war entscheidend, dass der gro\u00dfe Verb\u00fcndete USA unilateral entschied, dem schon 20-j\u00e4hrigen Konflikt durch den eigenen R\u00fcckzug ein Ende zu bereiten.<\/p>\n<p>Es g\u00e4be viele weitere Beispiele der Wichtigkeit nicht-milit\u00e4rischer Dimensionen in Kriegen, bei denen die \u201egr\u00f6\u00dferen Bataillone\u201c nicht gewonnen haben, aber diese Handvoll d\u00fcrfte hier reichen, um die Dimensionen mit ihren zusammenwirkenden Variablen zu demonstrieren. Offensichtlich ist der Krieg nicht aus nur einer dieser Variablen zu verstehen.<\/p>\n<h1><strong>Zu welchen Enden studiert man Strategie?<br \/>\nZweiter Schritt: Anwendung<\/strong><\/h1>\n<p>August Wagner, einer der strategischen Denker um Clausewitz, hat 1809 sein Werk \u00fcber die Strategie mit folgender \u00dcberlegung eingef\u00fchrt: Er meinte, wer eine milit\u00e4rische F\u00fchrungsposition \u00fcbernehme, ohne sich je \u00fcber den Krieg als solchen Gedanken gemacht zu haben und daher nicht f\u00e4hig sei, die Folgerungen seiner \u00dcberlegungen in die Praxis zu \u00fcbernehmen, der w\u00fcrde nicht viel Erfolg ausrichten k\u00f6nnen. Dabei m\u00fcsse er sich \u00fcber Kriegsursachen klar werden und auch dar\u00fcber, welche Mittel anzuwenden seien, \u201enicht allein um zu siegen, sondern auch, um durch den Sieg die Absichten zu erreichen, [deretwegen] man die Waffen ergriffen hat.\u201c[24]<\/p>\n<p>Das obenstehende Dimensionenschema kann dem reinen Lageverst\u00e4ndnis als Analysehilfe dienen, also einer objektiven Analyse einer Lage, auch eines Konfliktes Anderer (und zur \u00dcbung, eines historischen Beispiels). Es kann auch als Ansatz dienen zu \u00dcberlegungen, wie man auf die Lage praktisch einwirken kann, mit einer passenden Strategie im Sinne der Definition, wie sie oben zusammenfassend aufgestellt wurde: Strategie verfolgt in einem Konflikt politische Ziele, einschlie\u00dflich durch Androhung oder tats\u00e4chliche Anwendung von Gewalt, in der Absicht, die eigenen Ziele zu verwirklichen oder zumindest der anderen Seite den Erfolg zu verwehren. In der praktischen Anwendung einer Strategie wird ersichtlich, dass die Staatsf\u00fchrung (oder ein anderer strategischer Akteur) auf h\u00f6chster Ebene abw\u00e4gen muss, was bei niemals unbegrenzten Mitteln priorisiert wird, was geopfert wird und mit welchem Risiko. Und in diesen \u00dcberlegungen ist man noch nicht einmal bei den verschiedenen Optionen der <em>Milit\u00e4r<\/em>strategie angelangt. Dies sind die \u00dcberlegungen und Entscheidungen auf der h\u00f6chsten strategischen Ebene, die von Liddell Hart als \u201egrand strategy\u201c bezeichnet wurde. Oder eben, was B\u00fclow die \u201epolitische Strategie\u201c nannte.<\/p>\n<p>Und da wird die politische Strategie f\u00fcr den Offizier von h\u00f6chster Bedeutung: Er oder sie muss verstehen, wann und wieso die politische F\u00fchrung befindet, dass wirtschaftliche oder politische \u2013 \u201ediplomatische\u201c, wie Clausewitz\u2019 Zeitgenossen oft sagten \u2013 \u00dcberlegungen eine rein milit\u00e4rische Logik au\u00dfer Kraft setzen k\u00f6nnen<em>.<\/em> Er oder sie muss milit\u00e4rische Mittel anwenden, aber dabei in den Grenzen der politischen Vorgaben bleiben, denen sich der Krieg unterzuordnen hat.[25]<\/p>\n<p>Damit ist die Essenz der Strategie \u2013 insbesondere auf politischer, aber dann auch auf milit\u00e4rischer Ebene \u2013 das Abw\u00e4gen oft widerspr\u00fcchlicher Dimensionen, die alle in Betracht gezogen werden m\u00fcssen. Dazu muss man allerdings alle diese Dimensionen nicht nur kennen, sondern diese auch sowie ihre Interaktion verstehen. Strategie bedeutet damit Priorit\u00e4ten setzen, w\u00e4hlen und sich Ziele setzen, die man mit den eigenen Mitteln erreichen kann, nicht solche, die unerreichbar sind.<\/p>\n<p>An dieser Stelle k\u00f6nnen Strategieberater bzw. -lehrer nicht mehr tun, als Politikern Hilfestellungen zu einem solchen Abw\u00e4gen und den die politischen Anweisungen anwendenden Offizieren Hilfestellungen zum Verst\u00e4ndnis der vielen Dimensionen einer Strategie und zu ihrer Umsetzung geben. Denn, wie Clausewitz meinte, der Zweck einer Lehre vom Kriege ist es,<\/p>\n<blockquote><p>\u201eden Geist des k\u00fcnftigen F\u00fchrers im Kriege erziehen oder vielmehr ihn bei seiner Selbsterziehung leiten, nicht aber ihn auf das Schlachtfeld begleiten; so wie ein weiser Erzieher die Geistesentwicklung eines J\u00fcnglings lenkt und erleichtert, ohne ihn darum das ganze Leben hindurch am G\u00e4ngelbande zu f\u00fchren.\u201c[26]<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/beatrice-heuser-5b856813a\/\">Beatrice Heuser<\/a> leitet seit 2022 die Sektion Strategie (Lehre) in der Fakult\u00e4t ECS der F\u00fchrungsakademie der Bundeswehr. Sie ist <em>distinguished professor<\/em> an der Freien Universit\u00e4t Br\u00fcssel (in der Brussels School of Governance). Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um jene der Autorin. Diese m\u00fcssen nicht mit jenen der Bundeswehr \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>[1] Bernard Brodie, <em>War and Politics<\/em> (New York: Longman, 1979), 452.<\/p>\n<p>[2] Jean-Vincent Holeindre, <em>La Ruseet la Force <\/em>(Paris: Perrin, 2017).<\/p>\n<p>[3] Isabelle Duyvesteyn und Beatrice Heuser, \u201eIntroduction,\u201c in <em>The Cambridge History of Strategy Band 1. From the Napoleonic Wars to the Present<\/em>, hrsg. von Isabelle Duyvesteyn und Beatrice Heuser (Cambridge: Cambridge University Press, 2025), 1\u201320.<\/p>\n<p>[4] Beatrice Heuser und Isabelle Duyvesteyn, \u201eGrand Patterns of Strategy, old and new,\u201c in <em>The Practice of Strategy: A Global History<\/em> (Series Fucina di Marte No. 17), hrsg. von Jeremy Black (Rom: Societ\u00e0 Italiana di Storia Militare\/Nadir Media Srl, 2024), 19\u201336, https:\/\/www.nam-sism.org\/Fucina%20di%20marte\/2024.%20BLACK%20(Ed.),%20The%20Practice%20of%20Strategy.%20A%20Global%20History.pdf.<\/p>\n<p>[5] Beatrice Heuser, <em>Den Krieg Denken: Die Entwicklung der Strategie seit der Antike <\/em>(Paderborn: Ferdinand Sch\u00f6ning, 2010), 17\u201320; Maurizio Recordati Koen, \u201eThe Stuff of Strategy,\u201c The RUSI Journal 168, Nr. 1-2 (2023): 116\u201326. Die Einf\u00fchrung dieses Begriffes ins Deutsche stammt aus der \u00dcbersetzung eines byzantinischen Textes durch einen \u00d6sterreicher, Johannes von Bourscheid.<\/p>\n<p>[6] Aleksandr Svechin, \u201e<em>Strategiya<\/em> (orig. 1925, 2nd edn 1927),\u201c \u00fcbers. von Mary Albon et al. in <em>Aleksandr Svechin: Strategy, hrsg. von <\/em>Kent D. Lee (Minneapolis: Minnesota West View, 1997).<\/p>\n<p>[7] Anon (6. Jh.), \u201e<em>Peri Strategias\u201c, <\/em>in <em>Three Byzantine Military Treatises, <\/em>\u00fcbers. und hrsg. von George Dennis (Washington, D.C.: Dumbarton Oaks, 1985), 10\u2013135.<\/p>\n<p>[8] Heinrich Dietrich von B\u00fclow, <em>Geist des neuern Kriegssystems aus dem Grundsatze einer Basis der Operationen<\/em> (Hamburg: Benjamin Gottlieb Hoffmann, 1799), 83\u201384.<\/p>\n<p>[9] Antoine de Jomini, <em>Pr\u00e9cis de l\u2019Art de la Guerre<\/em> (1837, Neudruck Paris: Eds Ivr\u00e9a, 1994), 19, 340.<\/p>\n<p>[10] Onosander, <em>Onosandri strategeticus sive de imperatoris institutione<\/em> (1. Jh. n.Chr., gedr. Lutetiae-Parisior: 1599), Buch IV.1-2.<\/p>\n<p>[11] [Otto August] R[\u00fchle] v[on] L[ilienstern], <em>Handbuch f\u00fcr den Offizier zur Belehrung im Frieden und zum Gebrauch im Felde <\/em>(Berlin: G. Reimer, 1818) vol.2, 12.<\/p>\n<p>[12] Ibid.<\/p>\n<p>[13] Nachzulesen in Heuser, <em>Den Krieg denken<\/em>, Kap. 1.<\/p>\n<p>[14] Dietrich Heinrich von B\u00fclow, \u201eAnmerkung\u201c, in <em>Annalen des Krieges und der Staatskunde, Band 2<\/em>, hrsg. von Dietrich Heinrich von B\u00fclow (Berlin: Himburgsche Buchhandlung, 1806), 104\u20136.<\/p>\n<p>[15] B.H. Liddell Hart, <em>Strategy <\/em>(London: Faber &amp; Faber, 1957<sup>2<\/sup>), 335\u20136.<\/p>\n<p>[16] Heuser, <em>Den Krieg denken, <\/em>Kap. 1.<\/p>\n<p>[17] Ein dem Comte de Bussy-Rabutin (1618\u201393) zugeschriebenes Zitat, \u201eProvidence is always on the side of the big battalions,\u201c Oxford Reference, zuletzt aufgerufen am 05.02.2025, https:\/\/www.oxfordreference.com\/display\/10.1093\/oi\/authority.20110803100351363.<\/p>\n<p>[18] F\u00fcr eine Einf\u00fchrung in die Methodik des Net Assessment, das inzwischen auch in der NATO und in einigen NATO-Mitgliedsstaaten institutionell verankert ist, siehe Mie Augier, \u201eThinking About War and Peace: Andrew Marshall and the Early Development of the Intellectual Foundations for Net Assessment,\u201c Comparative Strategy 32, Nr. 1 (2013): 1\u201317.<\/p>\n<p>[19] Colin Gray, \u201eRMAs and the Dimensions of Strategy\u201c, JFQ (1997-1998): 50\u201354.<\/p>\n<p>[20] Montesquieu, <em>Esprit des Lois <\/em><em>E<\/em>, V.11.<\/p>\n<p>[21] Douglas MacArthur, \u201eFarewell Speech,\u201c West Point, 12.05.1962, https:\/\/tombguard.org\/assets\/downloads\/General-Douglas-MacArthur-West-Point-Speech.pdf.<\/p>\n<p>[22] Bernhard Chiari, <em>Afghanistan<\/em> (Paderborn: Sch\u00f6ningh f\u00fcr das MGFA, 2006).<\/p>\n<p>[23] \u201eLonger-term strategy for the North Atlantic Treaty Organization in its International Security Assistance Force role in Afghanistan, as approved by the North Atlantic Council on October 1, 2003 and submitted by Lord Robertson, the NATO secretary general, to Kofi Annan, the UN secretary-general, on October 2, 2003,\u201c nachzusehen unter \u201eUN Security Council document 2\/2003\/970,\u201c 08.10.2003, https:\/\/www.securitycouncilreport.org\/atf\/cf\/%7B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%7D\/Afgh%20S2003%20970.pdf.<\/p>\n<p>[24] \u201eWer jetzt ein Commando \u00fcbernimmt, ohne zu wissen[,] was im Allgemeinen von jedem Kriege gelte; warum jeder Krieg, von welcher Art er auch sey, begonnen werde; welche Mittel anzuwenden, nicht allein um zu siegen, sondern auch um durch den Sieg die Absichten zu erreichen, warum man die Waffen ergriffen hat; kurz wer nicht \u00fcber sein Metier nachgedacht hat und dabey im Stande ist die Fr\u00fcchte seines Nachdenkens auf vorkommende F\u00e4lle schnell anzuwenden; der wird keine Thaten thun, welche die Nachwelt in ihre [sic] B\u00fccher aufzeichnen wird.\u201c August Wagner, <em>Grundz\u00fcge der reinen Strategie<\/em> (Amsterdam: Kunst- und Industrie-Comptoir, 1809), VIII).<\/p>\n<p>[25] Carl von Clausewitz, <em>Vom Kriege<\/em>, I.1.9.<\/p>\n<p>[26] Ibid., II.2.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abstract: Der aus dem Ostr\u00f6mischen Reich stammende Ausdruck \u201eStrategie\u201c bezeichnete urspr\u00fcnglich die Kunst des Feldherrn. 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