{"id":2905,"date":"2025-09-08T06:43:22","date_gmt":"2025-09-08T05:43:22","guid":{"rendered":"https:\/\/tdhj.org\/de\/?p=2905"},"modified":"2025-10-30T19:47:17","modified_gmt":"2025-10-30T18:47:17","slug":"propagandapyramide-kreml-putin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tdhj.org\/de\/post\/propagandapyramide-kreml-putin\/","title":{"rendered":"Die Propagandapyramide des Kremls und Putins Aufl\u00f6sung von Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p><strong><u>Abstract:<\/u><\/strong> Wenn in Russland \u00fcber den Ukrainekrieg berichtet wird, wirkt es wie ein chaotisches Nebeneinander aus Siegesmeldungen, Drohungen und Verschw\u00f6rungstheorien. Doch in Wirklichkeit folgt diese Propaganda einem klaren Muster. An der Basis stehen ausgew\u00e4hlte Fakten und gezielte Falschmeldungen, die zu einer scheinbar neutralen Berichterstattung zusammengesetzt werden. Diese wird mit starken Emotionen aufgeladen\u2013Musik, Bilder und Schlagworte lenken die Wahrnehmung. Nationale und internationale \u201eExperten\u201c, auch aus dem Westen, suggerieren Pluralit\u00e4t. An der Spitze dieser \u201ePropagandapyramide\u201c steht ein geschlossenes Weltbild: Russland als belagerte Festung, der Westen als moralisch verkommen mit der Ukraine als seinem \u201efaschistoiden Vasall\u201c. Widerspruch ist Methode\u2013er soll verwirren und gegen jede Kritik immunisieren. So wird eine alternative Realit\u00e4t erzeugt, in der am Ende nur eines gilt: \u201eEs ist alles nicht so eindeutig.\u201c<\/p>\n<p><strong><u>Problemdarstellung:<\/u><\/strong> Wie gelingt es dem Kreml, durch ein scheinbar chaotisches Nebeneinander von Siegesmeldungen, Drohungen und Verschw\u00f6rungstheorien ein geschlossenes Weltbild aufrechtzuerhalten und so jede alternative Wahrnehmung systematisch auszuschalten?<\/p>\n<p><strong><u>Was nun?:<\/u><\/strong> Um sich gegen die russische Propaganda ad\u00e4quat zu wehren, muss der Westen diese nicht nur entlarven, sondern systematisch analysieren. Nur so lassen sich ihre Muster offenlegen und ihre Wirkung im In- wie Ausland begrenzen. Weiters bedarf es einer strategischen Gegenkommunikation, die nicht blo\u00df auf russische Narrative reagiert, sondern eigene Deutungsrahmen setzt und die geistige Landesverteidigung st\u00e4rkt\u2013von Politik \u00fcber Medien bis hin zu Bildungseinrichtungen.<\/p>\n Source: shutterstock.com\/Andrey Burmakin\n<h1><strong>Ein choreographiertes Ritual<\/strong><\/h1>\n<p>Wenn in Russland zur besten Sendezeit \u00fcber die Ukraine gesprochen wird, gleicht das einem choreographierten Ritual. Mal sind es Huldigungen der Erfolge russischer Streitkr\u00e4fte, mal martialische Drohungen gegen den Westen, mal hysterische Warnungen vor \u201eNazi-Horden\u201c. Was in der propagandistischen Dauerbeschallung zun\u00e4chst wie ein chaotisches Nebeneinander erscheint, folgt in Wahrheit einem pr\u00e4zisen Muster \u2013 einem strategischen Zirkelschluss, der den Krieg rechtfertigt, die Bev\u00f6lkerung verblendet, Fakten fragmentiert und eine alternative Realit\u00e4t schafft. Denn \u00fcber allem steht das in Russland g\u00e4ngige, resignative Mantra: \u201e<em>Es ist alles nicht so eindeutig.<\/em>\u201c<\/p>\n<blockquote><p>Wenn in Russland zur besten Sendezeit \u00fcber die Ukraine gesprochen wird, gleicht das einem choreographierten Ritual.<\/p><\/blockquote>\n<h1><strong>Von der Propagandapyramide<\/strong><\/h1>\n<p>Das strukturgebende Element der Desinformationsarchitektur des Kremls kann als Propagandapyramide dargestellt werden. Diese basiert auf einer hierarchischen Ordnung, die gezielt darauf ausgerichtet ist, Wahrnehmung, Denken und Emotionen der Bev\u00f6lkerung systematisch zu steuern.<\/p>\n<h2><em><u>Die Ebenen der Propagandapyramide<\/u><\/em><\/h2>\n<ul>\n<li>\u00dcberbau: Geschlossenes Weltbild;<\/li>\n<li>Dritte Ebene: Expertenmeinungen;<\/li>\n<li>Zweite Ebene: Emotionalisierende Berichterstattung;<\/li>\n<li>Basis: Mischung aus Falschinformationen und selektiven Fakten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Fundament der Pyramide bildet ein Mischung aus Falschinformationen und selektiven Fakten. Dabei werden nur jene Ereignisse, die das gew\u00fcnschte staatliche Narrativ st\u00fctzen, \u00fcberhaupt sichtbar gemacht, w\u00e4hrend widersprechende oder kritische Fakten systematisch ausgeblendet werden. Auf diesen gefilterten Fakten fu\u00dft die vermeintlich neutrale Berichterstattung. Doch Neutralit\u00e4t ist in diesem System Illusion: Die Informationssteuerung der Staatsmedien erfolgt durch die Pr\u00e4sidialverwaltung, die bei wichtigen Themen zentrale Talking Points aussendet. Die Berichterstattung wird bewusst mit Emotionen aufgeladen, etwa durch Musik, suggestive Bildmontagen oder die Auswahl sprachlicher Frames, die das Publikum in eine bestimmte Richtung lenken sollen.<\/p>\n<p>Auf der n\u00e4chsten Ebene folgen die Expertenmeinungen, oftmals international und sogar aus dem westlichen Ausland. So ist nach Februar 2022 neben Jeffrey Sachs auch John Mearsheimer ein gerngesehener wirkm\u00e4chtiger Gast russischer Propaganda.[1] Die Experten sollen scheinbar unabh\u00e4ngige Standpunkte vertreten, bewegen sich jedoch in eng vorgegebenen Grenzen und reproduzieren den staatlichen Deutungsrahmen. Der solcherart erzeugte Scheindiskurs soll die Illusion einer offenen Debatte schaffen, w\u00e4hrend inhaltlich nur eine regimetreue Interpretation zul\u00e4ssig bleibt.<\/p>\n<p>An der Spitze der Pyramide verdichtet sich dieses orchestrierte Zusammenspiel zu einem geschlossenen Weltbild: Russland erscheint als \u201eschuldlos belagerte Festung\u201c im Kampf f\u00fcr die Multipolarit\u00e4t gegen die Globalhegemonie der USA, der Westen als \u201escheinheiliger\u201c und \u201emoralisch verfallener Aggressor\u201c, die Ukraine als \u201efaschistoider Vasallenstaat des westlichen Imperialismus\u201c. Dieses Weltbild wird nicht argumentativ verteidigt, sondern durch st\u00e4ndige Wiederholung, gezielte Feindbildkonstruktionen und emotionale Mobilisierung verankert.<\/p>\n<p>So entsteht ein in sich geschlossenes propagandistisches System, das nicht \u00fcber Tatsachen informiert, sondern gegen Tatsachen immunisieren soll \u2013 gegen Zweifel, gegen Kritik und gegen jede Form alternativer Wirklichkeitswahrnehmung.<\/p>\n<h1><strong>Die Flexibilit\u00e4t der Wahrheit<\/strong><\/h1>\n<p>Bemerkenswert ist, dass die russische Propaganda kein in sich geschlossenes ideologisches System mehr ben\u00f6tigt. Im Gegenteil: Die Widerspr\u00fcchlichkeit der Narrative ist Teil dieser Medienstrategie. Die russische Propaganda operiert damit nicht nur in der Tradition klassischer Desinformationsstrategien, sondern spiegelt das, was Baudrillard als \u201eHyperrealit\u00e4t\u201c[2] bezeichnet: ein Mediensystem, das die Simulation zur eigentlichen Realit\u00e4t erhebt. Michel Foucault w\u00fcrde von einem \u201eWahrheitsregime\u201c[3] sprechen: einem diskursiven System, das nicht blo\u00df Inhalte produziert, sondern die gesellschaftlichen Regeln und Institutionen definiert, nach denen Wahrheit \u00fcberhaupt anerkannt oder verworfen wird. Die russische Propaganda operiert genau innerhalb eines solchen Regimes \u2013 sie gestaltet nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, was als sagbar gilt. In dieser propagandistischen Ordnung wird auch die Illusion von Wahlm\u00f6glichkeiten bewusst kultiviert, \u00e4hnlich wie von Shoshana Zuboff im Kontext des \u201e\u00dcberwachungskapitalismus\u201c[4] beschrieben: Die scheinbare Vielfalt maskiert eine unsichtbare Architektur der Steuerung, in der die gesellschaftliche Wahrnehmung systematisch auf Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem bestehenden Machtgef\u00fcge ausgerichtet wird. Diese theoretischen Linien verbinden sich im russischen Kontext zu einem einzigartigen Propagandamodell: Es geht nicht mehr um die Durchsetzung einer verbindlichen Wahrheit, sondern um die kontrollierte Aufl\u00f6sung von Wahrheit als gesellschaftlichem Bezugspunkt.<\/p>\n<p>Mal wird die Ukraine als \u201eschwacher Vasall des Westens\u201c dargestellt, mal als \u201e\u00fcberm\u00e4chtiger Aggressor\u201c. Mal gilt es, das \u201eukrainische Brudervolk\u201c vor \u201eWillk\u00fcrherrschaft nationalistischer Eliten\u201c zu sch\u00fctzen, mal wird die Vernichtung der ukrainischen Zivilbev\u00f6lkerung gefordert. Dieses Nebeneinander schafft nicht Verwirrung, sondern Wahlm\u00f6glichkeiten f\u00fcr das Publikum. Jeder kann sich das Narrativ heraussuchen, das zu seiner Weltsicht passt. Hauptsache, die strukturelle Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem Putin-Regime bleibt unangetastet. Genau dieses Prinzip ist in Russland zur dominanten Logik geworden. Die russische Propaganda schafft eine Sph\u00e4re radikaler Ambiguit\u00e4t, in der selbst offenkundige Fakten als Teil eines gr\u00f6\u00dferen Komplotts abgetan werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p>Mal gilt es, das \u201eukrainische Brudervolk\u201c vor \u201eWillk\u00fcrherrschaft nationalistischer Eliten\u201c zu sch\u00fctzen, mal wird die Vernichtung der ukrainischen Zivilbev\u00f6lkerung gefordert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die g\u00e4ngige Floskel \u201e<em>Es ist alles nicht so eindeutig<\/em>\u201c hat sich dabei zu einer gesellschaftlichen Abwehrformel entwickelt. Der Kern der propagandistischen Erz\u00e4hlung ist die Behauptung, dass man die Wahrheit ohnehin niemals erfahren werde \u2013 alles sei zu kompliziert, zu widerspr\u00fcchlich, zu undurchschaubar. Diese Einstellung ist das Produkt jahrzehntelanger Desorientierung und Entpolitisierung russischer Gesellschaft durch mediale \u00dcberreizung, strategische Desinformation und selektive Wahrnehmungssteuerung.[5]<\/p>\n<h1><strong>Zwischen Repression und Radikalit\u00e4t<\/strong><\/h1>\n<p>Ein h\u00e4ufig untersch\u00e4tztes Element ist die hybride Struktur der russischen Medienlandschaft: Selbst in sozialen Netzwerken wie Telegram, die lange als Nischenorte des Widerstands galten, dominiert heute ein erheblicher Anteil radikal-propagandistischer Inhalte. Russische Pro-Kriegs-Blogger, sogenannte \u201eVoenkory\u201c [Kriegsberichterstatter], genie\u00dfen dort hohe Reichweiten und treiben eine oft noch radikalere Agenda als die offiziellen Kan\u00e4le. Zu den einflussreichsten z\u00e4hlen dabei Rybar,[6] WarGonzo[7] und Alexander Kots,[8] die t\u00e4glich Frontberichte, strategische Einsch\u00e4tzungen und explizit prorussische Kriegspropaganda ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<h1><strong>Wichtige Voenkory auf Telegram<\/strong><\/h1>\n<ul>\n<li>Rybar: Einer der gr\u00f6\u00dften Kan\u00e4le, ver\u00f6ffentlicht taktische Karten und Kriegspropaganda;<\/li>\n<li>WarGonzo: Frontnaher Kriegsblogger mit hoher Reichweite, h\u00e4ufig Vorw\u00fcrfe gegen das Verteidigungsministerium;<\/li>\n<li>Alexander Kots: Kriegskorrespondent mit Zugang zu russischen Streitkr\u00e4ften, teilweise auch regierungskritisch in der Methodik, nicht in der Zielsetzung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Interessanterweise wird innerhalb dieser Szene das russische Regime regelm\u00e4\u00dfig kritisiert \u2013 allerdings nicht wegen des Krieges selbst, sondern meist mit der Forderung nach h\u00e4rterem, brutaleren Vorgehen \u2013 zunehmend auch wegen der schlechten Behandlung russischer Soldaten. Diese systemkonforme Radikalit\u00e4t wird von den russischen Sicherheitsbeh\u00f6rden bislang weitgehend toleriert. Die Voenkory fungieren dabei nicht nur als Verst\u00e4rker radikaler Kriegsrhetorik, sondern als integraler Bestandteil eines kontrollierten Resonanzraums. Sie schaffen ein propagandistisches Korrektiv von unten, das den Eindruck von Pluralit\u00e4t erzeugt, jedoch in Wahrheit die Grenzen des Sagbaren stabilisiert.<\/p>\n<p>Das scheinbare Nebeneinander von offizieller Linie und radikal-patriotischer Kritik ist somit Teil einer flexiblen Machtarchitektur. Die rote Linie verl\u00e4uft dort, wo die pers\u00f6nliche Autorit\u00e4t Wladimir Putins infrage gestellt oder die milit\u00e4rische F\u00fchrung in einer Weise diskreditiert wird, die Zweifel an der Kriegsf\u00fchrung insgesamt wecken k\u00f6nnte. Solange sich die Kritik aber auf das operative Management und die Geschwindigkeit des Krieges beschr\u00e4nkt, bleiben selbst drastische Vorw\u00fcrfe folgenlos.<\/p>\n<blockquote><p>Die rote Linie verl\u00e4uft dort, wo die pers\u00f6nliche Autorit\u00e4t Wladimir Putins infrage gestellt oder die milit\u00e4rische F\u00fchrung in einer Weise diskreditiert wird, die Zweifel an der Kriegsf\u00fchrung insgesamt wecken k\u00f6nnte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die ambivalente Rolle des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB ist dabei zentral: Dieser \u00fcberwacht die Kan\u00e4le genau, schr\u00e4nkt sie aber nicht systematisch ein\u2013im Gegenteil, teilweise dienen sie der gelenkten Ventilfunktion. \u00dcber die Voenkory wird Frustration kanalisiert, milit\u00e4rische Erfolge werden heroisiert und das propagandistische Grundnarrativ gest\u00fctzt. Das scheinbar unkontrollierte digitale Kriegsgeheul ist damit Teil einer flexiblen Machterhaltungsstrategie.<\/p>\n<p>Die klassische Dichotomie\u2013hier das regimetreue Fernsehen, dort das regierungskritische Internet\u2013ist also zu einem Teil \u00fcberholt. In Russland ist der digitale Raum heute ebenso durchdrungen von staatlicher Propaganda und Kriegsrhetorik wie das Fernsehen.<\/p>\n<h1><strong>Das kalkulierte Timing der Drohungen<\/strong><\/h1>\n<p>Wer die Eskalationsrhetorik russischer Medien \u00fcber Jahre hinweg verfolgt, erkennt ein klares Muster: Die sch\u00e4rfsten Drohungen gegen den Westen\u2013insbesondere nukleare\u2013erfolgen nicht willk\u00fcrlich, sondern stehen regelm\u00e4\u00dfig in direktem Zusammenhang mit au\u00dfenpolitischen Ereignissen. Russische Talkshows und Nachrichtensendungen greifen dann zur atomaren Keule, wenn entscheidende westliche Waffenlieferungen bevorstehen, neue Sanktionspakete verhandelt werden oder symbolisch aufgeladene westliche Gipfeltreffen stattfinden. Besonders deutlich zeigte sich dieses Muster bei den Ank\u00fcndigungen \u00fcber die Lieferung westlicher Kampfpanzer und sp\u00e4ter von F-16-Kampfflugzeugen an die Ukraine\u2013flankiert von einer Flut an Prophezeiungen nuklearer Vergeltung. Solche rhetorischen Spitzen erf\u00fcllen mehrere Zwecke: Sie dienen der Einsch\u00fcchterung des Westens, der Mobilisierung der eigenen Bev\u00f6lkerung und der Stabilisierung des innenpolitischen Diskurses, indem sie den Krieg als unausweichliche Abwehrschlacht gegen \u00e4u\u00dfere Feinde inszenieren.[9]<\/p>\n<h1><strong>Das propagandistische Schweigen<\/strong><\/h1>\n<p>Mindestens ebenso aufschlussreich wie das, was gesagt wird, ist in Russland das, was verschwiegen wird. Die Meuterei Jewgeni Prigoschins wurde medial zun\u00e4chst totgeschwiegen, sp\u00e4ter bagatellisiert und schlie\u00dflich als Konflikt unter Patrioten ohne staatsfeindliche Absichten eingeordnet. Eine offene Debatte \u00fcber die strukturelle Fragilit\u00e4t des Regimes blieb naheliegenderweise aus. Bis heute wird Prigoschins Marsch auf Moskau nicht als Symptom einer tiefen Krise behandelt, sondern als abgeschlossenes Kapitel, das die Einheit des Staates am Ende sogar gest\u00e4rkt habe.[10]<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verfahren die russischen Medien bei Angriffen innerhalb Russlands, etwa auf die Krim-Br\u00fccke oder auf Flugpl\u00e4tze in tiefem russischem Hinterland. Zun\u00e4chst wird versucht, die Angriffe zu leugnen oder herunterzuspielen. Erst wenn sich die Fakten nicht mehr verbergen lassen, werden die Ereignisse in das bestehende Deutungsmuster eingepasst: als \u201efeiger Terrorismus\u201c, als \u201eSabotage westlicher Geheimdienste\u201c, als Beweis f\u00fcr die \u201eNiedertracht der Ukraine\u201c.<\/p>\n<blockquote><p>Erst wenn sich die Fakten nicht mehr verbergen lassen, werden die Ereignisse in das bestehende Deutungsmuster eingepasst.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die systematische Vermeidung von Diskussionen \u00fcber die operative Verwundbarkeit Russlands geh\u00f6rt dabei zur Strategie. Dass die Kriegsrealit\u00e4t Russland l\u00e4ngst erreicht hat, wird in den Hauptnachrichten nicht thematisiert\u2013stattdessen wird \u00fcber kleinere Erfolge an der Front, \u00fcber westliche Dekadenz oder die historische Mission Russlands berichtet.<\/p>\n<h1><strong>Die unsichtbaren Toten<\/strong><\/h1>\n<p>Besonders perfide ist der Umgang mit den eigenen Verlusten. Der Krieg hat Hunderttausende Tote und Verletzte gefordert, doch in der russischen \u00d6ffentlichkeit sind diese Opfer weitgehend unsichtbar. Offizielle Zahlen werden kaum genannt, Beerdigungen werden lokaler Berichterstattung \u00fcberlassen oder finden im medialen Abseits statt. Der Tod wird individualisiert und entpolitisiert; er erscheint als Schicksal, nicht als Folge staatlicher Entscheidungen. Gleichzeitig wird der Krieg als patriotischer Akt verkl\u00e4rt, als Pr\u00fcfung f\u00fcr die \u201egro\u00dfe russische Zivilisation\u201c, in der pers\u00f6nliche Opfer einen quasi sakralen Sinn erhalten.<\/p>\n<p>Die systematische Leerstelle in der Berichterstattung erzeugt dabei genau jenen psychologischen Effekt, den die russische Propaganda gezielt anstrebt: Das gesellschaftliche Ged\u00e4chtnis formt sich nicht durch das Ereignis, sondern durch das, was kollektiv erinnert oder gezielt verdr\u00e4ngt wird. Die Abwesenheit der Opfer in der medialen Wahrnehmung sch\u00fctzt das Regime vor gesellschaftlicher Erosion.<\/p>\n<h1><strong>Der Westen im Spiegel russischer Talkshows<\/strong><\/h1>\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass das russische Propagandanarrativ \u00fcber die USA nicht konsistent feindlich ist. Donald Trump wird in Russland \u00fcberwiegend wohlwollend dargestellt\u2013nicht als Feind, sondern als potentieller Partner. Wenn Trump sich kritisch zu ukrainischen Angriffen oder U.S.-Waffenlieferungen \u00e4u\u00dfert, wird dies von russischen Medien mit Genugtuung aufgenommen, oft prominent in Talkshows und Nachrichtensendungen verwertet. Trump gilt dort als Stimme der Vernunft im \u201ekranken Westen\u201c, als Politiker, der den Krieg unn\u00f6tig finde und sich von der \u201eaggressiven NATO\u201c distanzieren wolle. Dabei ist auff\u00e4llig, wie selektiv Trumps Aussagen medial verwertet werden. Komplexe \u00c4u\u00dferungen werden auf kriegsablehnende Schlagworte reduziert, kritische Aussagen \u00fcber Russland bleiben ausgeblendet.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn Trump sich kritisch zu ukrainischen Angriffen oder U.S.-Waffenlieferungen \u00e4u\u00dfert, wird dies von russischen Medien mit Genugtuung aufgenommen, oft prominent in Talkshows und Nachrichtensendungen verwertet.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Bild wird den Russen systematisch vermittelt: Die USA seien ein gespaltenes Land, das unter der F\u00fchrung der Demokraten den Krieg begonnen habe, w\u00e4hrend \u201eRealisten\u201c wie Trump den Frieden suchen w\u00fcrden. Diese selektive Rezeption dient dazu, die moralische Legitimit\u00e4t des russischen Vorgehens zu untermauern und den Westen als in sich zerstritten darzustellen. Die Debatten in den USA \u00fcber Waffenlieferungen oder die NATO-Osterweiterung werden dabei nicht als demokratische Willensbildung, sondern als Anzeichen innerer Dekadenz angef\u00fchrt von einem \u201eallm\u00e4chtig-korrupten Tiefenstaat\u201c interpretiert.<\/p>\n<h1><strong>Systematische Immunisierung vor der Wahrheit<\/strong><\/h1>\n<p>Russlands Propaganda zielt letztlich nicht darauf ab, die Bev\u00f6lkerung geschlossen hinter einem ideologischen Banner zu versammeln. Sie immunisiert die Gesellschaft gegen Kritik, erzeugt kognitive Tr\u00e4gheit und emotionale Ersch\u00f6pfung. Widerspr\u00fcche werden bewusst produziert, um eine allgegenw\u00e4rtige L\u00e4hmung zu erzeugen. Der Glaube an die Wahrheit hat zu schwinden und der einzig wahrhaftigen Losung \u201e<em>Es ist alles nicht so eindeutig<\/em>\u201c zu weichen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne ist die russische Propaganda ein System der Desorientierung \u2013 eine industriell organisierte Produktion von Ambiguit\u00e4t. Wer sie durchschauen m\u00f6chte, muss also weniger auf das achten, was ausgesprochen wird, sondern auf das, was unerw\u00e4hnt bleibt. Denn die gef\u00e4hrlichste Waffe des Systems ist nicht das Wort; es ist das Schweigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>[1] Myth Detector, \u201cWhat Do We Know about Jeffrey Sachs?,\u201d <em>Mythdetector.com<\/em>, January 29, 2024,<a href=\"https:\/\/mythdetector.com\/en\/what-do-we-know-about-jeffrey-sachs\/?utm_source=chatgpt.com\"> https:\/\/mythdetector.com\/en\/what-do-we-know-about-jeffrey-sachs\/?utm_source=chatgpt.com<\/a>; Andrew Gimson, \u201cThe Tragedy of John Mearsheimer,\u201d <em>New Statesman<\/em>, September 29, 2023,<a href=\"https:\/\/www.newstatesman.com\/ideas\/2023\/09\/tragedy-john-mearsheimer?utm_source=chatgpt.com\"> https:\/\/www.newstatesman.com\/ideas\/2023\/09\/tragedy-john-mearsheimer?utm_source=chatgpt.com<\/a>.<\/p>\n<p>[2] Jean Baudrillard, \u201cSimulacra and Simulation,\u201d Translated by Sheila Faria Glaser, University of Michigan Press, 1994.<\/p>\n<p>[3] Michel Foucault, <em>Dispositive der Macht. \u00dcber Sexualit\u00e4t, Wissen und Wahrheit<\/em>, Merve Verlag, 1978.<\/p>\n<p>[4] Shoshana Zuboff, <em>The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power<\/em>, PublicAffairs, 2019.<\/p>\n<p>[5] Peter Pomerantsev, <em>Nothing Is True and Everything Is Possible: The Surreal Heart of the New Russia<\/em> (New York: PublicAffairs, 2014), 14\u201315.<\/p>\n<p>[6] @rybar<\/p>\n<p>[7] @wargonzo<\/p>\n<p>[8] @sashakots<\/p>\n<p>[9] Severin Pleyer, \u201cTechnological Hype of New Nuclear Delivery Systems \u2013 The Neglect of the Concept of Deterrence,\u201d <em>TDHJ<\/em> (Blog), December 26, 2022, accessed August 21, 2025,<a href=\"https:\/\/tdhj.org\/blog\/post\/russia-nucleardelivery-kinzhal-poseidon-skyfall\/\"> https:\/\/tdhj.org\/blog\/post\/russia-nucleardelivery-kinzhal-poseidon-skyfall\/<\/a>.<\/p>\n<p>[10] Masha\u202fLipman, \u201cWhat Does the Wagner Mutiny Mean for Putin\u2019s Regime?,\u201d <em>Brookings Institution<\/em>, June 27, 2023, accessed August 21, 2025, in <em>What Is the Fallout of Russia\u2019s Wagner Rebellion?<\/em> (blog), Brookings Foreign Policy, section\u202f\u201cInside Russia,\u201d<a href=\"https:\/\/www.brookings.edu\/articles\/what-is-the-fallout-of-russias-wagner-rebellion\/\"> https:\/\/www.brookings.edu\/articles\/what-is-the-fallout-of-russias-wagner-rebellion\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abstract: Wenn in Russland \u00fcber den Ukrainekrieg berichtet wird, wirkt es wie ein chaotisches Nebeneinander aus Siegesmeldungen, Drohungen und Verschw\u00f6rungstheorien. 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