Abu Dhabi, UAE - Feb.23. 2011: Leclerc tank and M109 155mm Self-propelled gun at IDEX 2011
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Aufklärung und Artillerie in einer mechanisierten Brigade

Abstract: Durch die Kombination von Panzern und Panzergrenadieren mit Aufklärung und Artillerie erreicht man zwingend den Bereich der Taktik, der das Zusammenwirken der Elemente in räumlicher und zeitlicher Hinsicht abstimmt und die Erfüllung des Auftrages ermöglicht. Zukünftige Konfliktszenarien im Sinne hybrider Bedrohungen, die unter Umständen von einer Vielzahl an zeitgleich agierenden Konfliktparteien ausgehen, verlangen adäquate Reaktionsmöglichkeiten. Aufkllärungs- und Artilleriekräfte spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Bottom-line-up-front: Um auf die diversen zukünftigen Bedrohungen, auch durch irreguläre Konfliktparteien, reagieren zu können, hat eine Armee den klassischen Kampf der Verbunden Waffen zu beherrschen.

Problemdarstellung: Welche Rolle nehmen Aufklärungs- und Artilleriekräfte im 21. Jahrhundert im Rahmen einer mechanisierten Brigade ein, welche Unterstützung können sie leisten und wo bedürfen sie der Unterstützung?

Was nun?: Durch die Kombination von Panzern und Panzergrenadieren mit Aufklärung und Artillerie erreicht man zwingend den Bereich der Taktik, der das Zusammenwirken der Elemente in räumlicher und zeitlicher Hinsicht abstimmt und die Erfüllung des Auftrages ermöglicht. Dies erfordert jedoch eine zeitgemäße Ausstattung und Ausbildung dieser Kräfte.

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Auge und Hammer einer Brigade

Wurde im 1. Teil dieses Beitrages auf die Waffengattungen Panzer und Panzergrenadier eingegangen und deren gegenseitige Unterstützung hervorgehoben, so behandelt der 2. Teil, wie diese Waffengattungen selbst im Sinne des Kampfes der verbundenen Waffen unterstützt werden müssen. Die Schutzoperation – und hier vor allem die Einsatzart Schutz – wird aufgrund der Aktualität erneut betrachtet.

Das Zusammenwirken von Aufklärung, Führung und Feuerunterstützung in allen Domänen stellt ein wesentliches Mittel zur Auftragserfüllung von Streitkräften dar und ist unverzichtbar.

Aufklärung und Artillerie – im Österreichischen Bundesheer in Aufklärungs- und Artilleriebataillonen zusammengefasst – sind sinnbildlich Augen und Hammer der Brigade. Das Zusammenwirken von Aufklärung, Führung und Feuerunterstützung in allen Domänen stellt ein wesentliches Mittel zur Auftragserfüllung von Streitkräften dar und ist unverzichtbar. Besonders für mechanisierte Kräfte, die hochmobil und stoßkräftig ihre Wirkung am Gefechtsfeld entfalten sollten, sind ein präzises Lagebild sowie eine weitreichende Feuerunterstützung zentral für den Erfolg im Kampf.

Aufklärung und Wirkung – der Bedarf

Um in modernen Konflikten überlebens-, durchsetzungs- und durchhaltefähig zu sein, sind hochmobile, geschützte Aufklärungskräfte in Verbindung mit einem „Battlefield Management System“, mithilfe dessen eine Vernetzung aller Sensoren und Effektoren am Gefechtsfeld erfolgen und ein verzugsfreies Bild der aktuellen Situation verfügbar gemacht werden kann, unerlässlich. Mechanisierte Kräfte, die mit hoher Dynamik vorgehen, sind auf ein solches Lagebild in Echtzeit besonders angewiesen. Die Beobachtungs- und Zielzuweisungskräfte der Artillerie, die Joint Fire Support Teams, müssen im gemeinsamen Einsatz mit den kämpfenden Teilen vertraut sein. Durch sie kann sichergestellt werden, dass weitreichende streitkräftegemeinsame taktische Feuerunterstützung – darunter das Feuer des eigenen Artillerieverbandes – bei den vorne kämpfenden Verbänden wirksam wird.[1] Im urbanen Umfeld kommt Aufklärungs- und Beobachtungselementen eine noch größere Bedeutung zu. Das Gelände ist dort unübersichtlich und die Sichtstrecken sind kurz. Das ermöglicht Feindkräften – auch kleineren Elementen, die sich einer irregulären Kampfweise bedienen – dass sie konventionellen Streitkräften, deren Einsatz schon aufgrund der gesetzlichen Grundlagen immer ein konventionell geführter sein muss[2], mit geringen Mitteln großen Schaden zufügen können.

Im urbanen Umfeld kommt Aufklärungs- und Beobachtungselementen eine noch größere Bedeutung zu. Das Gelände ist dort unübersichtlich und die Sichtstrecken sind kurz.

Gepanzerte Kräfte sind besonders durch Waffenwirkung „von oben“ sehr verwundbar, wie die Kriegsgeschichte seit dem 2. Weltkrieg aufzeigt. Im Syrienkonflikt wurden beispielsweise moderne türkische Kampfpanzer vom Typ Leopard 2A4 mit einfachen Panzerabwehrwaffen durch angepasste Stellungswahl der syrischen Gruppierungen unschädlich gemacht. Noch deutlicher sind die Verluste, wenn moderne Waffentechnik zur Panzerabwehr eingesetzt wird. Im jüngsten Konflikt um Bergkarabach war zu sehen, wie armenische Kampfpanzer durch Präzisionsmunition und Kampfdrohnen den Streitkräften Aserbaidschans machtlos gegenüberstanden.[3] Gegnerisches Bedrohungspotential ist daher rechtzeitig zu erkennen und die Truppenführung danach auszurichten. Sämtliches Feuer, direktes und indirektes, wie auch non-kinetische Wirkmittel müssen zu dessen Bekämpfung zu Wirkung gebracht werden können.

Bewertung und Ableitungen

Neben zeitgemäßen Aufklärungskräften und einem umfassenden Lagebild in Echtzeit sollten folgende (auszugsweise angeführte) militärische Beschaffungen bezogen auf zukünftig zu generierenden Fähigkeiten in Landstreitkräften weit oben auf der Agenda stehen:

  • Die Soldaten der Aufklärungstruppe müssen über zieldatenfähige „Drohnen“ verfügen, die 24/7, also zu jeder Tages- und Nachtzeit, einsetzbar sind. Ohne diese Mittel ist es nicht möglich, das Gefechtsfeld und besonders die unübersichtlichen Bereiche einer Stadt zu überblicken und ein akkurates Lagebild zu gewinnen. Kurze Sichtstrecken am Boden erfordern Luftmittel. Zudem müssen die Soldaten der Aufklärungstruppe über hochmobile und geschützte Trägerfahrzeuge verfügen, da sie räumlich eng an die vorgehende Kampftruppe angebunden sein müssen. Der Einsatz gemeinsam mit der Kampftruppe ist laufend zu üben um sicherzustellen, dass die entsprechenden Verfahren richtig angewendet werden können.
  • Die Artillerie muss über eine hochpräzise Zielerfassungsfähigkeit in Kombination mit Präzisionsmunition verfügen. Die gilt einerseits der raschen und zuverlässigen Zielbekämpfung und andererseits der Vermeidung von großflächigen Kollateralschäden durch Steilfeuerbeschuss. Solche sind für eine westliche Armee in der heutigen Zeit gesellschaftlich nicht zu rechtfertigen. Das Beobachtungselement muss mit gehärteten Fahrzeugen ausgestattet sein und die Verfahren der Kampftruppe beherrschen. Es muss zudem in der Lage sein, den Schutzwert von Gebäuden zu beurteilen. Die Fähigkeitenentwicklung in den Bereichen Close Combat Attack und Close Air Support, mit welchen Wirkung aus der Luft unmittelbar vor der kämpfenden Truppe erzielt wird, ist unbedingt zu forcieren. Auch die Beschickung internationaler Lehrgänge durch das Kaderpersonal ist durch die Kommandanten aller Ebenen aktiv zu unterstützen.
  • Zum Schutz von Aufklärungs- und Artilleriekräften bedarf es zudem einer Drohnenabwehr, die sich kinetisch wirkenden Waffen und Maßnahmen der elektronischen Kampfführung bedienen kann.

Die Artillerie muss über eine hochpräzise Zielerfassungsfähigkeit in Kombination mit Präzisionsmunition verfügen.

Abgesehen vom klassischen Gefecht in den dynamischen Einsatzarten Angriff und Verteidigung, für das die Soldaten in erster Linie zu üben haben, kann in der Einsatzart Schutz durch einen Aufklärungs- und Artillerieverband ebenfalls ein elementarer Beitrag geleistet werden:

  • Flächendeckende Überwachung von Räumen sowohl durch die Aufklärungselemente als auch durch die Steilfeuerbeobachter.
  • Schutz von Räumen und Objekten unter Einsatz von schweren Waffensystemen zur Demonstration der Stärke eigener Streitkräfte.
  • Begleitschutz von Transporten durch gehärtete und mit Maschinengewehr bewaffnete Aufklärungsfahrzeuge.
  • Kontrolle und Überwachung von Bewegungslinien und Drehscheiben.
  • Der Einsatz der Soldaten kann von friedlich bis kämpfend angepasst werden. Durch Ausrüstung, Gliederung, Ausbildung und der dadurch gegebenen Zweitrollenfähigkeit, kann in allen Phasen einer möglichen Eskalation angepasst reagiert werden.
  • Ein begrenzter Luftraum kann durch Joint Terminal Attack Controller koordiniert werden.

Panzer und Panzergrenadiere müssen schon auf gefechtstechnischer Ebene permanent zusammenwirken, um zu überleben. Durch die Kombination dieser Waffengattungen mit Aufklärung und Artillerie erreicht man zwingend den Bereich der Taktik, die das Zusammenwirken dieser Elemente in räumlicher und zeitlicher Hinsicht abstimmt und die Erfüllung des Auftrages ermöglicht. Auf dieser Basis kann dann ein weiterer Fähigkeitenaufwuchs in den Bereich der vernetzten, teilstreitkräfte- und domänenübergreifenden Kampfführung angedacht werden.


ObstltdG Paul Schönbacher ist Chef des Stabes der 4. Panzergrenadierbrigade. Die hier genannten Fakten und Ableitungen wurden unter Einbindung der Bataillone anno 2020 erstellt und vom Autor ergänzt. Forschungsinteressen: Mechanisierte Truppen, besonders deren Ausgestaltung bei kleineren Armeen. Biologische Waffen mit Fokus auf die Herausforderungen der normativen Regulierung. Publikationen erfolgten in Zeitschriften des Österreichischen Bundesheeres. Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors. Diese müssen nicht mit jenen des BMLV übereinstimmen.


[1] Dies trifft nicht auf die Granatwerferzüge der Kampfbataillone zu. Diese sind das unmittelbare Steilfeuer der Grenadiere und werden durch den Bataillonskommandanten eingesetzt. Die Joint Fire Support Teams haben hier koordinierende Funktion, um einen Konflikt mit anderen Wirkmitteln zu vermeiden.

[2] Ausgenommen sind Spezialeinsatzkräfte.

[3] Markus Reisner, “The Indisputable Power of Drones -What current conflicts will tell us about the future,” The Defence Horizon Journal (04.03.2021), www.thedefencehorizon.org, last accessed 10.03.2021.

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