Abstract: Der Artikel untersucht fünf maßgebliche Machtkonzepte im Bereich der internationalen Beziehungen. Dazu gehören der offensive Realismus, der defensive Realismus, die Konfliktkulturtheorie sowie der liberale Institutionalismus und der liberale Internationalismus. Jedes dieser Konzepte bietet einen spezifischen Ansatz zur Erklärung der Dynamiken von Macht und Konflikt zwischen Staaten. Im Gegensatz zu einer bloßen Übersicht über wissenschaftliche Theorien und deren Zusammenfassungen verfolgt der Beitrag einen systematischen Ansatz: Die vorgestellten Machtkonzepte werden gezielt auf drei verschiedene Konflikträume angewandt, nämlich auf die aktuellen globalen Konflikte zwischen der Volksrepublik China und den USA, Russland und Europa sowie im Nahen Osten. Dabei entsteht ein Bewertungsraster, das eine strukturierte Analyse ermöglicht. Diese Herangehensweise führt zu einer vertieften konzeptionellen Ausarbeitung des Begriffs „hybride Weltordnung“ und zeigt, wie unterschiedliche theoretische Perspektiven zur Erklärung aktueller internationaler Entwicklungen beitragen können.
Problemstellung: In welchen Kontexten weisen realistische, liberal-institutionalistische oder kulturtheoretische Ansätze der politischen Theorie jeweils eine höhere Erklärungskraft im Vergleich zueinander auf?
Was nun?: Zur Verbesserung des Verständnisses der aktuellen Situation in der globalen Politik werden im Folgenden drei ausgewählte Konflikte systematisch untersucht. Im Fokus steht die Anwendung fünf zentraler Machtkonzepte: offensiver Realismus, defensiver bzw. struktureller Realismus, Konflikt-Kulturtheorie, liberaler Institutionalismus sowie liberaler Internationalismus. Durch einen Vergleich dieser theoretischen Ansätze lassen sich unterschiedliche Interpretationen der Ursachen und Dynamiken der Konflikte darstellen. Ziel dieser Analyse ist es, auf Basis der jeweiligen Perspektiven fundierte Prognosen zur zukünftigen Entwicklung der internationalen Politik zu formulieren.

Differenzierte Perspektiven auf globale Machtverhältnisse
Zum Ende des 20. Jahrhunderts sowie zu Beginn des 21. Jahrhunderts, insbesondere nach dem Zerfall der Sowjetunion und der damit verbundenen Bündnisse wie dem Warschauer Pakt und COMECON, lassen sich fünf maßgebliche Machtkonzepte der internationalen Beziehungen identifizieren. In der aktuellen Weltpolitik spielen die fünf Machtkonzepte, die teilweise bereits vor 30 bis 40 Jahren entwickelt wurden, weiterhin eine bedeutende Rolle. Trotz der zunehmenden Fragmentierung der internationalen Ordnung und der wachsenden Zahl militärischer Konflikte bleiben diese Konzepte als Instrumente zur Analyse und Steuerung politischer Prozesse relevant. Die Anwendung dieser Machtkonzepte verdeutlicht, dass grundlegende Prinzipien der internationalen Beziehungen auch in Zeiten erhöhter Instabilität und systemischer Auseinandersetzungen Bestand haben.
Aktuell befindet sich die internationale Ordnung in einem Zustand zunehmender Fragmentierung. Diese Entwicklung ist begleitet von einer Zunahme militärischer Konflikte und systemischer Auseinandersetzungen. Das globale Umfeld ist insgesamt von erhöhter Instabilität und einer Intensivierung der Streitigkeiten geprägt. Russland hat beispielsweise in internationalen Dokumenten wie dem Budapester Memorandum (1994) sowie dem Russisch-ukrainischen Freundschaftsvertrag (1997/1999) die Grenzen der Ukraine anerkannt und deren Unverletzbarkeit zugesichert. Im Jahr 2014 wurden diese Vereinbarungen durch die Annexion der Krim und die militärische Intervention im Donbass einseitig außer Kraft gesetzt. Darüber hinaus wurde mit der versuchten Invasion im Februar 2022 ihre Gültigkeit vollständig aufgehoben. Auch die USA haben mit militärischen Operationen in Venezuela und Luftangriffen auf den Iran gegen die Bestimmungen der UN-Charta (insbesondere Art. 2 Abs. 4 zum Gewaltverbot) verstoßen. Somit repräsentieren diese Konzepte auch heute differenzierte Perspektiven auf globale Machtverhältnisse und die Dynamik internationaler Politik.
Analyse zentraler Machtkonzepte
Im Rahmen der internationalen Beziehungen stehen fünf zentrale Machtkonzepte im Fokus: offensiver Realismus, defensiver Realismus, Konflikt-Kulturtheorie, liberaler Institutionalismus und liberaler Internationalismus. Diese Konzepte bieten unterschiedliche Perspektiven auf das Verhalten von Staaten und auf die Gestaltung der internationalen Ordnung. Der folgende Abschnitt widmet sich dem Vergleich dieser fünf theoretischen Ansätze. Ziel ist es, diese unterschiedlichen Perspektiven gegenüberzustellen und ihre zentralen Merkmale herauszuarbeiten.
Offensiver Realismus nach Mearsheimer
Die Grundidee ist provokant: Großmächte streben nicht nach Balance, sondern nach maximaler Macht, idealerweise nach regionaler oder sogar überregionaler, weltweiter Hegemonie. Der offensive Realismus nach Mearsheimer basiert auf fünf strukturellen Grundannahmen: Das internationale System ist anarchisch, Staaten verfügen stets über militärische Fähigkeiten, die sie auch weiterentwickeln, die Intentionen anderer Staaten sind nie vollständig durchschaubar, das Überleben ist oberstes Ziel und Staaten handeln rational, indem sie Kosten und Nutzen abwägen. Daraus nimmt er an, dass Staaten ihre Macht maximieren, weil sie sich nie vollkommen sicher fühlen können. Im Gegensatz zu klassischen Gleichgewichtstheorien streben Staaten nicht nur nach ausreichender, sondern nach möglichst großer Macht.[1]
Großmächte verfolgen daher das Ziel der regionalen Hegemonie, verhindern andere Hegemonien und greifen auf Opportunismus, Furcht sowie Aggression zurück, wenn sich Gelegenheiten bieten. Das Sicherheitsdilemma verschärft sich, da jede Aufrüstung Gegenreaktionen auslöst. Typische Strategien im offensiven Realismus sind das Führen von Kriegen bei günstiger Gelegenheit, das Koalieren gegen aufstrebende Mächte (Balancing), das Abschieben von Eindämmungskosten auf andere (Buck-Passing), das Schwächen von Rivalen durch Konflikte (Bloodletting) und das Aufhetzen von Rivalen gegeneinander (Bait-and-Bleed).
Das zentrale Ziel ist die regionale Hegemonie, wobei die globale Dominanz laut Mearsheimer als unrealistisch gilt.[2] Beispiele hierfür sind die USA, die eine regionale Hegemonie erreicht haben, die Volksrepublik China (VR), die daran arbeitet, und Russland, das Einflusszonen sichern möchte. Der offensive Realismus ist einflussreich, weil er das Verhalten von Großmächten über Jahrhunderte hinweg konsistent erklärt und strukturell, nicht moralisch, begründet.[3]
Defensiver/Struktureller Realismus nach Waltz
Kenneth Waltz prägte die politische Theorie mit dem defensiven oder auch strukturellen Neorealismus, indem er die internationale Politik als ein strukturelles System betrachtete und den Schwerpunkt auf die Systemarchitektur statt auf menschliche oder staatliche Eigenschaften legte.[4] Kenneth Waltz vertritt die Ansicht, dass das Verhalten von Staaten im internationalen System nicht von den Eigenschaften einzelner Politiker oder der Innenpolitik beeinflusst wird, sondern von der Struktur des internationalen Systems. Diese Struktur ist geprägt durch Anarchie, funktionale Gleichheit der Staaten und die Verteilung der Macht, die das System entweder unipolar, bipolar oder multipolar erscheinen lässt.[5] Anarchie bedeutet für Waltz nicht Chaos, sondern das Fehlen einer zentralen Weltregierung, weshalb Staaten stets für ihre eigene Sicherheit sorgen müssen und das Prinzip der Selbsthilfe vorherrscht. Das daraus entstehende Sicherheitsdilemma führt dazu, dass Aufrüstung von einem Staat als Verteidigungsmaßnahme gesehen wird, von anderen jedoch als Bedrohung wahrgenommen wird. Waltz legt keinen Wert darauf, ob ein Staat demokratisch oder autoritär regiert wird, und auch die Werte oder Persönlichkeiten von Führern sind für ihn unerheblich. Entscheidend ist, dass alle Staaten das Ziel haben, ihr Überleben zu sichern, was zu rationalem und vorsichtigem Verhalten führt. Die Stabilität im internationalen System hängt laut Waltz vor allem von der Polarität ab, also von der Anzahl der dominierenden Großmächte. Ein bipolares System wie im Kalten Krieg gilt als stabiler als ein multipolares System, das im 19. Jahrhundert vorherrschte. Waltz war skeptisch gegenüber unipolaren Systemen, da er davon ausging, dass andere Mächte versuchen würden, das Machtungleichgewicht auszugleichen, entweder durch Aufrüstung oder Allianzen. Für Waltz ist die Systemstruktur ausschlaggebend, während die Innenpolitik keine Rolle spielt.[6]
Damit unterscheidet er sich von anderen Theoretikern wie Mearsheimer, Fukuyama, Huntington sowie Keohane und Nye. Staaten handeln nicht aus moralischen Motiven, sondern weil sie durch die Struktur des Systems dazu gezwungen werden; Machtpolitik ist daher ein strukturelles und kein moralisches Phänomen. Internationale Institutionen, wie die UN können diese grundlegende Systemstruktur nicht überwinden. Kenneth Waltz sieht somit die internationale Politik als ein strukturell determiniertes System, in dem Staaten rational handeln, um zu überleben. Nicht Werte, nicht Kultur, nicht Führer entscheiden – sondern Anarchie und Machtverteilung.
Konflikt-Kulturtheorie nach Huntington
Die Konflikt‑Kulturtheorie von Samuel P. Huntington–bekannt als „Clash of Civilizations“ –ist eine der prägnantesten, aber auch umstrittensten Deutungen der Weltpolitik nach dem Kalten Krieg. Sie verschiebt den Fokus von Ideologie und Machtpolitik hin zu Kultur, Identität und Zivilisationen als primären Konfliktlinien.[7]
Samuel Huntingtons Grundannahmen besagen, dass die Welt in mehrere große Zivilisationen unterteilt ist, die sich durch Religion, Geschichte, Werte, Traditionen und kollektive Identität unterscheiden. Nach dem Ende des Kalten Krieges rücken kulturelle Unterschiede stärker in den Vordergrund, während ideologische Konflikte an Bedeutung verlieren. Konflikte entstehen laut Huntington zunehmend nicht mehr zwischen einzelnen Staaten, sondern zwischen kulturellen Blöcken. Die Theorie hebt hervor, dass Zivilisationen als Hauptakteure der internationalen Politik agieren und dass die Handlungen von Staaten zunehmend von deren zivilisatorischer Zugehörigkeit geprägt werden. Kooperation ist demnach wahrscheinlicher zwischen kulturell ähnlichen Staaten, während Konflikte vor allem zwischen kulturell weit entfernten Zivilisationen auftreten. Religion spielt hierbei eine zentrale Rolle als Identitätsmerkmal. Besonders konfliktanfällig sind laut Huntington die sogenannten Bruchlinienkonflikte, die an den Grenzen verschiedener Zivilisationen entstehen, etwa zwischen westlicher und islamischer, westlicher und orthodoxer, sinischer und westlicher sowie hinduistischer und islamischer Zivilisationen.
Der Westen sieht sich laut Huntington einer wachsenden Herausforderung durch andere Zivilisationen wie die VR China, islamische Staaten und Russland gegenüber. Da die relative Macht des Westens abnimmt, muss dieser seine Werte zunehmend gegenüber konkurrierenden kulturellen Modellen behaupten. Jede Zivilisation verfügt über sogenannte Kernstaaten, die als Führungsmächte fungieren, etwa die USA für die westliche, die VR China für die sinische, Russland für die orthodoxe und Indien für die hinduistische Zivilisation. Konflikte zwischen diesen Kernstaaten sind besonders gefährlich, da sie das Potenzial haben, ganze Zivilisationsblöcke in Auseinandersetzungen hineinzuziehen.
Liberaler Institutionalismus nach Nye/Keohane
Joseph Nyes zentrale Aussagen in den 1990er‑Jahren drehten sich vor allem um den Machtwandel in der internationalen Politik, die wachsende Bedeutung von Soft Power sowie die Notwendigkeit, Hard und Soft Power strategisch zu kombinieren. Seine Überlegungen prägten das außenpolitische Denken der Clinton‑Ära und die theoretische Weiterentwicklung des Neoliberalismus in den Internationalen Beziehungen.[8]
Nye argumentierte, dass Staaten nicht nur durch militärische oder wirtschaftliche Stärke („Hard Power“), sondern zunehmend durch kulturelle Attraktivität, Werte und politische Glaubwürdigkeit („Soft Power“) Einfluss ausüben. Soft Power wurde zu einem Schlüsselkonzept seiner Arbeit und gewann in den 1990ern internationale Aufmerksamkeit. Bereits in den 1990ern begann Nye zu betonen, dass erfolgreiche Außenpolitik eine kluge Mischung aus Hard und Soft Power benötigt – später von ihm als „Smart Power“ bezeichnet. Diese Idee wurde insbesondere in der Clinton‑Administration aufgegriffen. Aufbauend auf seiner früheren Arbeit mit Robert Keohane[9] betonte Nye, dass Staaten in einer globalisierten Welt vielschichtig voneinander abhängig sind – wirtschaftlich, technologisch und politisch. Diese Interdependenz schwächt klassische Machtprojektion und macht Kooperation wichtiger. Gemeinsam mit Keohane entwickelte Nye das Konzept der complex interdependence. Staaten sind durch Handel, Finanzen, Technologie und Kommunikation vielschichtig miteinander verflochten, wobei militärische Macht nicht immer das dominante Mittel zur Machtdurchsetzung darstellt. Mehrere Kanäle verbinden Gesellschaften (Regierungen, Unternehmen, NGOs). Nye und Keohane argumentierten, dass internationale Institutionen und Regime eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung der Weltordnung spielen. Nach dem Kalten Krieg galten UNO, WTO und NATO in den 1990er Jahren als Schlüssel für die globale Steuerung. Sie argumentierten und analysierten, dass die USA zwar die dominante Supermacht bleiben, aber Macht durch das Auftreten von nichtstaatlichen Akteuren und den Bedeutungsgewinn von Information und Technologie diffuser werden wird. Weiters apostrophierten sie eine Zunahme globaler Herausforderungen wie Terrorismus, Proliferation und Wirtschaftskrisen.
Liberaler Internationalismus nach Fukuyama
Der liberale Internationalismus bei Francis Fukuyama ist vielleicht weniger eine klassische Theorie der internationalen Beziehungen als vielmehr eine umfassende historisch‑philosophische Deutung der Weltpolitik.[10] Er verbindet liberale Demokratietheorie, Modernisierungstheorie und eine normative Vorstellung von Fortschritt. Der liberale Internationalismus nach Fukuyama basiert auf mehreren grundlegenden Annahmen: Menschen streben nach Anerkennung, wobei nur die liberale Demokratie dieses Bedürfnis dauerhaft erfüllen kann. Wohlstand und Stabilität entstehen durch Marktwirtschaft und Rechtsstaat, und die Geschichte entwickelt sich laut Fukuyama in Richtung liberaler Ordnungen und weg vom Autoritarismus. Internationale Politik ist dabei nicht allein von Macht geprägt, sondern auch ein Wettbewerb um Legitimität.[11]
Die zentralen Elemente des liberalen Internationalismus lassen sich wie folgt zusammenfassen: Erstens betrachtet Fukuyama die Demokratie als Endpunkt politischer Entwicklung. Liberale Demokratien sind ihm zufolge langfristig überlegen, da sie individuelle Freiheit garantieren, politische Teilhabe ermöglichen, wirtschaftliche Innovation fördern und interne Gewalt minimieren. Trotz Rückschlägen tendiert die Welt daher zu mehr Demokratie. Zweitens sind internationale Institutionen wie die EU, NATO, WTO und UN für Fukuyama keine Nebenprodukte von Macht, sondern zivilisatorische Errungenschaften, die Regeln, Normen und Vertrauen schaffen, Demokratien stabilisieren und Großmächte einbinden sowie Kooperation und Konfliktprävention fördern. Drittens besagt die Demokratie-Frieden-These, dass liberale Demokratien untereinander kaum Kriege führen, da sie gemeinsame Werte teilen, Kriegskosten politisch sanktionieren und transparente Entscheidungsprozesse haben. So entsteht ein „liberaler Frieden“. Viertens schafft wirtschaftliche Interdependenz durch Handel und globale Märkte Wohlstand, gegenseitige Abhängigkeit und Anreize zur Kooperation. Ökonomische Verflechtung ist laut Fukuyama ein zentrales Instrument zur Stabilisierung der internationalen Ordnung.
Er ist damit das Gegenstück zu Mearsheimers offensivem Realismus: Nicht die Machtmaximierung, sondern Legitimität, Anerkennung und Institutionen treiben die Weltpolitik voran.
| Dimension | Mearsheimer | Waltz | Huntington | Nye/ Keohane | Fukuyama |
| Grundannahmen | Staaten streben nach maximaler Macht; Anarchie erzwingt Expansion | Staaten streben nach Sicherheit; Struktur bestimmt Verhalten | Kultur & Identität sind zentrale Konflikt-linien | Interdependenz ermöglicht Ko-operation trotz Anarchie | Liberale Demokratie ist Endpunkt politischer Entwicklung |
| Mechanismus | Machtmaximierung, regionale Hegemonie | Balancing, Sicherheitsdilemma | Zivilisationskonflikte, kulturelle Narrative | Institutionen, Regime, Soft Power | Modernisierung, Institution, normative Attrak-tivität |
| Weltordnung | Unvermeidlich konflikthaft; Multipolarität instabil | Bipolarität am stabilsten | Multipolare Welt aus Kulturblöcken | Regelbasierte, vernetzte Ordnung | Langfrist. Konvergenz zu liberalen Demokratien |
| Rolle von Macht | Milit. Macht dominiert | Materielle Macht, besonders militärisch | Kulturelle Kohärenz als Macht-quelle | Hard + Soft Power; Macht ist multi-dimensional | Normative Macht liberaler Werte |
| Institution | Geringe Bedeutung; Werkzeuge der Mächtigen | Spiegeln Machtverhältnisse | Funktionieren nur innerhalb kultureller Räume | Reduzieren Unsicherheit, ermöglichen Kooperation | Tragen zur globalen Stabilität und Demokratisierung bei |
| Konflikt/ Kooperation | Konflikt strukturell angelegt | Kooperation fragil; Misstrauen dominiert | Konflikte entlang kultureller Bruchlinien | Kooperation wahrscheinlich und notwendig | Konflikte nehmen langfristig ab |
| Heutige Relevanz | US–China, Ukraine, Machtpolitik | Großmachtbalancing, NATO‑Dynamik | Identitätspolitik, Migration, geopolit. Narrative | EU‑Integration, Klima, Tech‑Governance | Demokratie unter Druck, Rückschläge der Liberalisierung |
Die Anwendung der fünf Machkonzepte auf gegenwärtige Konflikte/Kriege
VR China vs. USA/Europa
Der Konflikt zwischen China und den USA/Europa stellt einen umfassenden systemischen Wettbewerb zwischen Großmächten dar, der sich auf die zentralen Bereiche Wirtschaftsmodell, Technologie, Sicherheit und Werteordnung erstreckt. China verfolgt ein staatskapitalistisches und autoritäres Modell, das durch eine starke Kontrolle von Partei und Staat gekennzeichnet ist. Im Gegensatz dazu repräsentieren die USA und Europa liberale Demokratien mit marktwirtschaftlicher Ausrichtung sowie einer regelbasierten internationalen Ordnung. Die Konfrontation zeigt sich besonders in strategisch wichtigen Sektoren wie Industrie, Künstliche Intelligenz, Geopolitik, kritische Rohstoffe, Cyberraum und Governance. China strebt technologische und wirtschaftliche Vorherrschaft an, kontrolliert bedeutende Rohstoffketten und verkörpert autoritäre Stabilität. Die USA und Europa reagieren mit Maßnahmen wie Reshoring, Subventionen, Regulierung und Betonung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit. Im Mittelpunkt steht die Frage, welches Modell künftig globale Standards, Lieferketten und Normen prägen wird. Europa nimmt dabei eine wirtschaftlich exponierte, politisch transatlantisch eingebundene und eigenständig agierende Rolle ein. Insgesamt handelt es sich um einen systemischen Großmachtkonflikt, der die Gestaltung von Wirtschaft, Technologie, Sicherheit und Werteordnung weltweit beeinflusst.
Die fünf internationalen Beziehungenstheorien bieten unterschiedliche Erklärungsansätze für den Konflikt zwischen den USA/Europa und China: Nach Mearsheimers offensivem Realismus strebt China als aufstrebende Großmacht nach regionaler und möglicherweise globaler Dominanz, was zu unvermeidlichen Machtkonflikten mit den USA führt. Waltz’ struktureller Realismus betont die Tendenz zur Bipolarität und die Bedeutung der Systemstruktur – ideologische Faktoren spielen für ihn eine untergeordnete Rolle. Huntington sieht den Konflikt auch als kulturell geprägt, wobei die „sinische Zivilisation“ und der Westen gegenübergestellt werden, wobei die machtpolitische Logik jedoch dominiert. Konzepte von Nye und Keohane zur Interdependenz und zu neoliberalen Institutionen zeigen, dass wirtschaftliche und institutionelle Verflechtungen den Konflikt begrenzen, aber nicht verhindern. Fukuyamas liberale Internationalismus-Theorie lässt sich im Fall Chinas nur bedingt anwenden, da Chinas autoritäres System nicht wie erwartet zu einer liberalen Demokratie wird.
Der China/USA-Konflikt stellt damit beinahe einen Lehrbuchfall für die Theorie Mearsheimers dar, wobei Waltz die strukturellen Rahmenbedingungen liefert und Ansätze von Huntington sowie Nye/Keohane ergänzend zu berücksichtigen wären. Die Theorie von Fukuyama lässt sich nicht anwenden.
Russland vs. Europa
Der Konflikt zwischen Russland und Europa ist ein vielschichtiger Macht- und Wertewettstreit. Während Europa die nach 1991 etablierte Sicherheitsordnung verteidigt, strebt Russland eine Revision und eigene Einflusszonen an. Die Ukraine steht dabei im Zentrum, wobei Russland das Land als Teil seiner selbst sieht, Europa hingegen dessen Selbstbestimmung betont. Der Krieg verdeutlicht den systemischen Charakter des Konflikts. Im Energiebereich hat Europas Abkehr von russischer Energie seit 2022 zu einer Neuausrichtung geführt, wodurch Russland geopolitischen Einfluss verliert. Auch im Informations- und Cyberraum finden Auseinandersetzungen statt, wobei Russland Desinformation und Cyberangriffe einsetzt und Europa Gegenmaßnahmen ergreift. Der Wertegegensatz zwischen der Demokratie in Europa und dem autoritären System Russlands verstärkt die Spannungen. Militärisch sieht Russland die NATO-Erweiterung als Bedrohung, Europa reagiert auf russische Aggressionen mit Aufrüstung. Global sucht Russland nach neuen Partnern, während Europa seine Allianzen ausbaut. Der Konflikt Russland–Europa ist somit ein systemischer Macht- und Wertewettstreit, der sich in der Ukraine militärisch manifestiert, aber wirtschaftlich, digital und geopolitisch weit darüber hinausreicht.
Die Theorien des internationalen politischen Denkens bieten unterschiedliche Perspektiven auf Russlands Verhalten im Ukraine-Konflikt sowie auf die Entwicklung der internationalen Ordnung. John Mearsheimer sieht Russland als revisionistische Macht, die ihre Einflussgebiete sichern und Bedrohungen wie die NATO-Erweiterung abwehren möchte, wobei Machtpolitik und territoriale Kontrolle im Zentrum der Strategie stehen. Kenneth Waltz’ struktureller Realismus betont die systemischen Veränderungen nach dem Ende der bipolaren Weltordnung und erklärt Russlands Streben nach erneuter Weltmachtposition. Samuel Huntington ergänzt die Analyse durch die Betonung der kulturellen und religiösen Dimensionen des Konflikts zwischen der orthodoxen Zivilisation und dem Westen. Die neoliberale Institutionentheorie von Nye und Keohane zeigt ihre Grenzen, da internationale Organisationen die Eskalation des Konflikts nicht verhindern konnten und machtpolitische Interessen über Kooperation und Verflechtung dominieren. Schließlich widerlegt Russlands Entwicklung nach 1991 Fukuyamas Theorie vom „Ende der Geschichte“, da die Demokratisierung nicht von Dauer war und eine autoritäre Restauration erfolgte, womit Russland als Gegenbeispiel für einen universellen Fortschritt zur liberalen Demokratie gelten kann.
Insgesamt zeigt sich am Beispiel des Konflikts Russland-Ukraine/Europa, dass die Erklärungsansätze von Mearsheimer und Huntington besonders hilfreich sind, um die aktuellen Entwicklungen zu verstehen. Die Erwartungen an internationale Institutionen stoßen hier klar an ihre Grenzen, während die Theorien Fukuyamas keine Anwendung finden.
Konflikte in Nahost
Es gilt, die Konflikte/Kriege Israel/USA vs. Iran/Hisbollah/Hamas sowie die Konkurrenz Iran vs. Saudi-Arabien zu prüfen, wobei auch hier die jeweiligen Grenzen der verschiedenen Theorien deutlich werden.
Der Konflikt zwischen dem Iran und seinen Verbündeten (Hisbollah, Hamas) einerseits sowie Israel und den USA andererseits ist ein Stellvertreterkrieg, der auf ideologischen Gegensätzen basiert. Der Iran nutzt schiitische und antiisraelische Milizen, um seinen Einfluss in der Region auszubauen und die regionale Hegemonie anzustreben, und führt auch den gegenwärtigen Krieg. Israel und die USA sehen darin eine Bedrohung für Stabilität und Sicherheit und reagieren mit militärischer Präzision, um die Infrastruktur der iranischen Proxys sowie die inneren Strukturen des Irans zu zerstören. Die Hisbollah agiert als stärkster Proxy des Iran und übt Druck auf Israel aus, während Hamas, trotz sunnitischer Ausrichtung, eng mit dem Iran zusammenarbeitet und Israel von Süden aus noch immer unter Druck setzt. Vor allem seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Der Iran setzt auf asymmetrische Kriegsführung und vor allem seit der U.S.-/israelischen Militärintervention vom 28. Februar 2026 verstärkt auch auf konventionelle Kriegführung, während Israel und die USA rein konventionelle militärische Mittel nutzen. Das Risiko einer weiteren Eskalation ist hoch, insbesondere durch mögliche Fehlkalkulationen und Vergeltungsmaßnahmen. Insgesamt handelt es sich um einen hybriden Stellvertreterkrieg, in dem der Iran versucht, Israel strategisch einzukreisen, während Israel und die USA den iranischen Einfluss zurückdrängen.
Die Konkurrenz zwischen Iran und Saudi-Arabien basiert auf einem Machtkampf um die regionale Vorherrschaft im Nahen Osten. Iran verfolgt eine schiitische, revolutionäre und antiwestliche Ideologie, während Saudi-Arabien sunnitisch-wahhabitisch geprägt und traditionell prowestlich ist. Diese Gegensätze führen zu Konflikten auf religiöser, geopolitischer und sicherheitspolitischer Ebene. Im Zentrum der Rivalität stehen mehrere Kernfelder: Erstens beansprucht Iran die Rolle als „Schutzmacht der Schiiten“, während Saudi-Arabien sich als „Hüter der heiligen Stätten“ versteht. Dadurch entsteht eine Konkurrenz um die Deutungshoheit im Islam. Zweitens streiten beide Staaten um regionale Hegemonie – Iran sichert seinen Einfluss vor allem im Irak, in Syrien, im Libanon und im Jemen, Saudi-Arabien in den Golfstaaten, in Ägypten und in Jordanien. Drittens unterscheiden sich die wirtschaftlichen und energetischen Strategien: Beide sind bedeutende Ölmächte, aber Saudi-Arabien setzt auf Stabilität und Investitionen, während der Iran mit Sanktionen und Schattenwirtschaft zu kämpfen hat und seine Macht asymmetrisch projiziert. Viertens führen beide Länder Stellvertreterkriege, etwa im Jemen (Huthi vs. saudische Koalition) und im Irak/Syrien, durch ihren Einfluss auf Milizen und politische Parteien. Im Jahr 2023 vermittelte China zwar eine diplomatische Annäherung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Dennoch bleibt die strukturelle Rivalität bestehen, sodass zwar eine Koexistenz erreicht wurde, jedoch keine strategische Partnerschaft. Zusammengefasst führen Iran und Saudi-Arabien einen langanhaltenden Machtkampf um die regionale Ordnung, die religiöse Autorität und die geopolitischen Einflusszonen. Dabei wechseln sich Phasen der Konfrontation und der taktischen Entspannung ab.
Mearsheimers Theorie des offensiven Realismus ist für die Analyse der Nahostregion besonders relevant, da sie die Bedeutung von Machtpolitik und regionalen Rivalitäten hervorhebt, kann jedoch die Komplexität der Region bzw. des Konflikts nicht vollständig erklären.[12] Der strukturelle Realismus nach Waltz eignet sich punktuell, etwa bei der Betrachtung des iranischen Nuklearprogramms oder der israelischen Abschreckung, stößt jedoch an Grenzen, wenn es um nichtstaatliche Akteure und gesellschaftliche Konflikte geht. Huntingtons „Clash of Civilizations“-Ansatz verdeutlicht die Relevanz von Identität, Religion und Kultur als zentrale Konfliktlinien im Nahen Osten, insbesondere im Spannungsfeld zwischen der islamischen Zivilisation und dem Westen sowie innerhalb des Islam. Die Theorie von Nye und Keohane zeigt, dass Kooperation im Nahen Osten möglich ist, etwa durch Energieinterdependenz und internationale Organisationen, jedoch bleibt diese Zusammenarbeit fragil und wird oft von Machtpolitik überlagert. Fukuyamas Vorstellung einer universellen Demokratisierung trifft auf die Region wenig zu, da Entwicklungen wie der Arabische Frühling und dessen Rückschläge zeigen, dass Demokratisierungsprozesse, wenn überhaupt, alles andere als linear verlaufen.
Die gegenwärtigen Konflikte/Kriege in Nahost sind eine Mischung aus Realismus (Macht, Sicherheit) und Huntington (Identität, Zivilisation), mit nur begrenzter Erklärungskraft für Fukuyama und Nye/Keohane.
Wer lag am nächsten an der Realität von Heute?
Die Frage, welche Denkschule der internationalen Politik heutzutage am meisten Recht behalten hat, erweist sich, auch nach Prüfung durch gegenwärtige Konflikte, als komplex. Die fünf großen Ansätze – der offensive Realismus von John Mearsheimer, der strukturelle Realismus von Waltz, der „Clash of Civilizations“ von Samuel Huntington, der neoliberale Institutionalismus und die Soft Power-Theorie von Keohane und Nye sowie der liberale Internationalismus von Francis Fukuyama, konnten zwar nicht die Entwicklungen vollständig erklären, doch lieferten einige, wie an den Beispielen ersichtlich ist, heute sichtbare Erkenntnisse, andere wiederum weniger.
Mearsheimers Offensiver Realismus erweist sich als besonders geeignet für die Analyse der aktuellen internationalen Entwicklungen. Die 2020er Jahre sind durch das Auftreten von Großmachtrivalitäten, Machtpolitik und Sicherheitsdilemmata gekennzeichnet, was Mearsheimers Grundannahmen bestätigt. Nach seiner Auffassung verfolgen Großmächte stets das Ziel, ihre Macht zu maximieren, wodurch Konflikte unvermeidlich werden. Die gegenwärtige Zunahme geopolitischer Spannungen, insbesondere zwischen den USA und der VR China sowie zwischen Russland und dem Westen, unterstreicht diese Perspektive. Mearsheimer prognostizierte die Rückkehr internationaler Rivalitäten und legte besonderes Augenmerk auf die Bedeutung von Einflusssphären sowie die begrenzte Effektivität internationaler Institutionen. Mearsheimer warnt gegenwärtig vor einer weiteren Eskalation der Auseinandersetzung zwischen den USA, Israel und dem Iran. Er sieht das Risiko, dass ein Konflikt den gesamten Nahen Osten erfassen könnte, und kritisiert die bedingungslose Unterstützung Israels. Seiner Ansicht nach wurden die USA von der Israel-Lobby in einen strategisch sinnlosen Krieg mit dem Iran hineingezogen, während die eigentliche Herausforderung Chinas Aufstieg bleibt.[13] Seine analytische Präzision kennzeichnet ihn als maßgebliche Figur des modernen Realismus.
Waltz’ Struktureller Neorealismus bietet teilweise eine solide Grundlage für die Interpretation des internationalen Systems, indem sie die Struktur, Anarchie und das Streben nach Sicherheit betont. Sein Ansatz erklärt die nukleare Stabilität überzeugend, unterschätzt jedoch die Intensität der aktuellen Machtpolitik, wie Mearsheimer hervorhebt. Zwar liefert Waltz nachvollziehbare Erklärungen für die Machtbalancierung der VR China gegenüber den USA, Russlands Streben nach Einflusszonen und Europas sicherheitspolitische Herausforderungen, allerdings besitzen Internationale Institutionen wie WTO und UN nur eingeschränkte Gestaltungsmöglichkeiten. Waltz zufolge handeln Staaten rational, um ihr Überleben zu sichern – entscheidend sind dabei Systemstruktur und Machtverteilung – Faktoren wie Werte, Hegemonie oder Persönlichkeiten spielen kaum eine Rolle, was gegenwärtig nur bedingt zutrifft.
Huntingtons Kampf der Kulturen bleibt in Teilen relevant, da seine These, wonach kulturelle und zivilisatorische Bruchlinien globale Konflikte beeinflussen, weiterhin Gültigkeit besitzt. Fortbestehende Spannungen zwischen westlichen und islamischen Staaten oder zwischen westlicher und chinesischer Zivilisation verdeutlichen seine Argumentation. Zudem wirkt die Identitätspolitik als treibender Faktor internationaler Auseinandersetzungen. Huntington erkannte die Rolle von Kultur und Identität in politischen Konflikten an, jedoch sind Zivilisationen nicht durchgehend homogen und ökonomische beziehungsweise machtpolitische Aspekte behalten ihren Stellenwert.
Nye & Keohane’s Neoliberaler Institutionalismus greift wesentliche Aspekte internationaler Beziehungen auf, wie wechselseitige Abhängigkeiten und die Rolle von Institutionen. Diese Faktoren bleiben im Handel, Klimaschutz- und Technologiebereich teilweise noch relevant, verlieren jedoch an Bedeutung angesichts einer wesentlich raueren geopolitischen Realität. Während gegenseitige Abhängigkeit und Soft Power weiterhin Einfluss ausüben, kann Interdependenz Konflikte nicht verhindern, und Institutionen gelingt es nicht, Großmächte nachhaltig einzudämmen.
Fukuyamas „Ende der Geschichte“ hat sich inzwischen als nicht zutreffend erwiesen. Die Annahme, dass die liberale Demokratie das Endstadium politischer Entwicklung darstelle, wurde durch das Wiedererstarken autoritärer Regime und den zunehmenden Druck auf Demokratien widerlegt. Ideologische Konflikte bestehen fort und Fukuyamas Prognosen hinsichtlich der Attraktivität und Legitimität demokratischer Systeme waren zu optimistisch. Die Persistenz autoritärer Systeme und die Umkehrbarkeit von Demokratisierungsprozessen zeigen die Begrenztheit seines Ansatzes.
Aus aktueller Perspektive stellt Mearsheimer eine präzise Analyse der globalen geopolitischen Lage vor und liefert fundierte Einschätzungen zu den internationalen Beziehungen. Huntingtons Ansatz erweist sich insbesondere für die Erklärung kultureller Trennlinien auf globaler Ebene als relevant. Waltz bietet ein konsistentes strukturelles Erklärungsmodell für die internationale Politik, das im Vergleich zu Mearsheimer jedoch weniger dynamisch erscheint. Nye und Keohane tragen zum Verständnis internationaler Kooperation bei, während ihre Ansätze bei der Konfliktanalyse eine geringere Rolle spielen. Die These Fukuyamas findet heute kaum Anwendung, da sich die liberale Demokratie nicht weltweit durchgesetzt hat und sich zunehmend autoritäre Entwicklungen feststellen.
Die Ansätze von Mearsheimer, Waltz und Huntington zeichnen sich durch theoretische Tiefe, breite Anwendbarkeit und prognostische Fähigkeit aus, wie verschiedene Fallbeispiele zeigen. Insbesondere bieten Mearsheimer neorealistische Konzepte fundierte Erklärungen für die internationale Machtpolitik und die Dynamik zwischen Großmächten. Seine Analysen zu territorialen Konflikten und Machtbalancen erweisen sich als bedeutsam für die gegenwärtige geopolitische Entwicklung. Huntingtons Fokus auf kulturelle und religiöse Differenzen sowie deren Einfluss auf Konflikte zwischen Zivilisationen ist ebenfalls von aktueller Relevanz. Waltz‘ struktureller Ansatz zur internationalen Ordnung sowie zu Stabilitäts- und Konfliktbedingungen ist auf unterschiedliche Konfliktszenarien anwendbar und besitzt zeitlose Gültigkeit. Während Mearsheimer und Waltz den staatlichen Akteuren besondere Aufmerksamkeit schenken, berücksichtigt Huntington verstärkt die Bedeutung nichtstaatlicher Akteure, insbesondere hinsichtlich kultureller und religiöser Identitäten, die in zahlreichen Konflikten eine zentrale Rolle spielen.
Betrachtet man die aktuelle internationale Lage, lässt sich feststellen, dass die Gegenwart eine Kombination aus Mearsheimers Theorie und den strukturellen Grundlagen von Huntington und Waltz darstellt. Mearsheimers Ansatz liefert eine präzise Analyse der geopolitischen Situation und bietet fundierte Einschätzungen im Kontext der internationalen Beziehungen. Ergänzend sind Huntingtons Überlegungen besonders relevant, wenn es darum geht, kulturelle Trennlinien und Konflikte entlang von Zivilisationslinien zu erklären. Waltz wiederum trägt mit seinem konsistenten strukturellen Modell dazu bei, die internationale Politik aus einer systemischen Perspektive zu verstehen, auch wenn seine Theorie im Vergleich zu Mearsheimer weniger dynamisch erscheint. Insgesamt ergibt sich ein Bild, in dem die aktuellen Entwicklungen auf der Welt maßgeblich von Mearsheimers Ansätzen geprägt sind, die jedoch von den strukturellen Theorien Huntingtons und Waltz‘ gestützt und ergänzt werden.
| Theoretiker | Kernaussage | Entspricht heutiger Realität? | Beispiele |
| Mearsheimer | Großmächte streben nach maximaler Macht; Konflikte unvermeidbar | Hoch | USA–China Rivalität, Ukrainekrieg, |
| Waltz | Staaten streben nach Sicherheit, nicht Dominanz | Mittel | Nukleare Abschreckung, Stabilität zwischen Atommächten |
| Huntington | Konflikte entlang kultureller Zivilisationslinien | Mittel | Westen–China, Islam–Westen |
| Nye/Keohane | Institutionen & Interdependenz fördern Kooperation | Niedrig bis Mittel | EU, WTO – aber geschwächt |
| Fukuyama | Liberale Demokratie setzt sich global durch | Niedrig | Autoritäre Resilienz, Demokratierückgang |
Zukünftige Tendenzen
Die zukünftige Entwicklung der internationalen Politik lässt sich nicht durch eine einzelne theoretische Perspektive erklären. Vielmehr ist von einer Überlagerung machtpolitischer, institutioneller und identitätsbezogener Faktoren auszugehen. Großmachtkonkurrenz bleibt dabei das zentrale Strukturmerkmal. Insbesondere die Rivalität zwischen den USA und China wird die globale Ordnung prägen, während Russland ebenfalls bestrebt ist, seine geopolitische Stellung zu behaupten. Gleichzeitig bestehen internationale Institutionen und wirtschaftliche Verflechtungen, die jedoch zunehmend selektiv und interessengeleitet genutzt werden. Zugleich gewinnen kulturelle und identitätsbezogene Faktoren an Bedeutung. Narrative und historische Deutungen beeinflussen das außenpolitische Handeln und tragen zur Dynamik von Konflikten bei.
Insgesamt deutet sich eine fragmentierte, multipolare Ordnung an, in der unterschiedliche Machtzentren und Ordnungsmodelle koexistieren. Die internationale Politik wird damit zunehmend „hybrid“ geprägt sein, wobei verschiedene theoretische Ansätze situationsabhängig Erklärungskraft entfalten. Eine stabile, einheitliche Weltordnung ist derzeit nicht absehbar.
Hybride Prägung der zukünftigen Internationalen Beziehungen
Es wurden fünf maßgebliche Machtkonzepte im Bereich der internationalen Beziehungen auf ihre heutige Relevanz hin untersucht. Jedes dieser Konzepte bietet einen spezifischen Ansatz zur Erklärung der Dynamiken von Macht und Konflikt zwischen Staaten. Die vorgestellten Machtkonzepte wurden gezielt auf drei verschiedene Konflikträume angewandt. Dabei entstand ein Bewertungsraster, das eine strukturierte Analyse ermöglicht. Diese Herangehensweise führt zu einer Ausprägung des Begriffs „hybride Weltordnung“ und zeigt, wie unterschiedliche theoretische Perspektiven zur Erklärung aktueller internationaler Entwicklungen beitragen können. Die Analyse zeigt weiterhin, dass von machtpolitischen Dynamiken der fünf zentralen Theorieströmungen das Weltgeschehen maßgeblich beeinflussen und auch künftig bestehen bleiben. Gleichzeitig bleibt die gegenseitige Abhängigkeit der Staaten relevant, da internationale Institutionen, Kooperationen und Handelsabhängigkeiten trotz bestehender Rivalitäten weiterhin eine bedeutende Rolle spielen werden. Identitäts- und kulturelle Fragen bilden nach wie vor zentrale Konfliktlinien und prägen politische Auseinandersetzungen. Der Druck auf liberale Normen nimmt zu, während autoritäre Regime international an Einfluss gewinnen und dadurch demokratische Prinzipien herausfordern.
Der machtpolitisch geprägte Wettbewerb zwischen den USA und China wird fortbestehen; internationale Organisationen behalten ihre Relevanz, können jedoch bestehende Konflikte nur begrenzt beeinflussen. Russland wird – unabhängig vom Verlauf des Ukraine-Krieges – bestrebt sein, seine globale Position abzusichern. Ein Ende des Nahost-Konflikts ist derzeit nicht absehbar, und Demokratien stehen weltweit weiterhin unter dem Druck autoritärer Systeme. Für das kommende Jahrzehnt gewinnen dadurch insbesondere die Annahmen Mearsheimers, unterstützt durch Waltz und Huntington, an Bedeutung.
Koexistenz oder Vermischung?
Die hybride Weltordnung bezeichnet ein internationales System, in dem mehrere Ordnungslogiken – Macht, Institutionen und Identität – gleichzeitig bestehen und strategisch miteinander verknüpft sind. Sie entsteht aus der Koexistenz und Überlagerung unterschiedlicher Ordnungsvorstellungen, der Pluralisierung normativer und kultureller Grundlagen internationaler Politik sowie der regional differenzierten Struktur der internationalen Gesellschaft, in der globale und regionale Sicherheitsdynamiken ineinandergreifen.
In dieser hybriden Ordnung kombinieren Akteure realistische Machtpolitik, kulturell-zivilisatorische Legitimationsnarrative sowie die selektive Nutzung institutioneller Arrangements, um ihre Interessen durchzusetzen. Dadurch entsteht ein dynamisches, nicht-hierarchisches Ordnungsgefüge, das weder einer liberalen noch einer rein machtpolitischen Struktur entspricht, sondern durch flexible und situative Interaktionsmuster geprägt ist.[14]
Die hybride Weltordnung beschreibt sohin ein internationales System, das nicht mehr von einer einzigen dominanten Macht oder klaren Regeln geprägt ist. Stattdessen existieren verschiedene Machtzentren, Ideologien und institutionelle Strukturen nebeneinander, die miteinander konkurrieren und kooperieren. In einer hybriden Weltordnung vermischen sich traditionelle geopolitische Rivalitäten mit neuen Herausforderungen wie Cyberkriegen, wirtschaftlicher Abhängigkeit, globalen Organisationen und kulturellen Konflikten. Staaten und andere Akteure setzen unterschiedliche Machtinstrumente ein und passen sich ständig an veränderte Bedingungen an. Dadurch entstehen komplexe Dynamiken, die sich nicht mehr allein durch klassische Machtkonzepte erklären lassen. Die hybride Weltordnung verdeutlicht somit, dass die internationalen Beziehungen heute und zukünftig von einem Zusammenspiel aus Konflikt, Kooperation, Innovation und Kultur, somit „Hybrid“ geprägt sind. Machtstreben nimmt dabei die zentrale Stellung ein; gleichwohl bleiben internationale Institutionen und Identitätsschwerpunkte von erheblicher Relevanz.

Die hybride Weltordnung ist somit ein pluralistisches, regional differenziertes und normativ fragmentiertes internationales System, in dem Macht-, Identitäts- und Institutionenlogiken gleichzeitig wirken und strategisch miteinander vermischt werden.
[1] John J. Mearsheimer, The Tragedy of Great Power Politics, updated ed. (New York: W. W. Norton & Company, 2014).
[2] Carlo Masala, review of The Tragedy of Great Power Politics, by John J. Mearsheimer, Politische Vierteljahresschrift 44, no. 3 (September 2003): 442–444.
[3] John J. Mearsheimer, “The Future of the American Pacifier,” Foreign Affairs 80, no. 5 (2001): 46–61.
[4] Kenneth N. Waltz, Theory of International Politics (Long Grove, IL: Waveland Press, 2010 [1979]).
[5] Kenneth N. Waltz, Theory of International Politics (Long Grove, IL: Waveland Press, 2010 [1979]), chap. 6, 104; chap. 7, 138.
[6] Kenneth N. Waltz, Man, the State, and War: A Theoretical Analysis (New York: Columbia University Press, 2018 [1959]).
[7] Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order (New York: Simon & Schuster, 2002).
[8] Joseph S. Nye Jr., Soft Power: The Means to Success in World Politics (New York: PublicAffairs, 2005).
[9] Robert O. Keohane and Joseph S. Nye Jr., Power and Interdependence, 4th ed. (Boston: Pearson, 2011 [1977]).
[10] Francis Fukuyama, State-Building: Governance and World Order in the 21st Century (London: Profile Books, 2005).
[11] Francis Fukuyama, The End of History and the Last Man (London: Penguin, 2020), pt. 2, chap. 26.
[12] John J. Mearsheimer, interview by unnamed host, “Warum die USA den Iran-Krieg verlieren,” YouTube video, March 10, 2026, https://www.youtube.com/watch?v=Am_udya4_tw.
[13] Chris Hedges, interview with John J. Mearsheimer, YouTube video, March 15, 2026, https://www.youtube.com/watch?v=Am_udya4_tw.
[14] Trine Flockhart, “The Coming Multi-Order World,” Contemporary Security Policy 37, no. 1 (2016): 3–30; Amitav Acharya, “After Liberal Hegemony: The Advent of a Multiplex World Order,” Ethics & International Affairs 31, no. 3 (2017): 271–285; Barry Buzan and Ole Wæver, Regions and Powers: The Structure of International Security (Cambridge: Cambridge University Press, 2003).








