Die Renaissance des Carl von Clausewitz

Strategie für Entscheidungsträger im 21. Jahrhundert

Lennard Souchon, (Hamburg, 2024). 348 pp.

Lennart Souchon ist der Experte für die Exegese des Werkes und Lebens von Carl von Clausewitz. Mit seinem neuesten Buch „Die Renaissance des Carl von Clausewitz – Strategie für Entscheidungsträger im 21. Jahrhundertein“ hat er ein beachtliches Werk vorgelegt. Basierend auf dem Werk „Vom Kriege“ ordnet Souchon aktuelle Krisenherde, wie Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine, Chinas Taiwan-Politik, der brutale Konflikt zwischen Israel und der Hamas, aber auch das Gebaren des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump, in den Kontext der Sicherheitsordnung demokratischer Staaten ein. Er zeigt präzise deren Handlungsspielräume und Grenzen auf, die aus guten Gründen nicht immer „können wie sie wollen oder sollten“. Hier erspart er dem Leser auch nicht die Hinweise auf die Schwächen demokratisch wertebasierter Systeme. Darauf aufbauend spricht er historisch und logisch begründete Handlungsempfehlungen aus, die ebenso nicht jedem Leser gefallen werden. Die Grundlagen seiner historischen Analysen sind nicht neu. Sie sind von zeitloser Wahrheit und Aktualität, geraten aber allzu oft in Vergessenheit. Dabei lohnt sich immer ein Blick in die Geschichte, wenn es um die Suche nach Lösungen für aktuelle Probleme, Prognosen für den Ausgang bedeutender Entwicklungen oder „strategische Weichenstellungen“ geht. Wer die Vergangenheit nicht kennt und einzuordnen weiß, der wird sich in der Zukunft nicht zurecht finden oder:

Ein Feldherr, der nie Zeit für das Studium der Geschichte hatte, ist wie ein Chirurg, der nie Anatomie studiert hat (vgl. Collins, 1998, XXIII).“ (S. 58 f.)

Gleichwohl weist Lennart Souchon den Leser auch auf die Risiken geschichtlicher Betrachtungen hin:

Doch auch Vorsicht ist geboten, da Geschichte immer von einem Betrachterstandpunkt sowie zeitgebunden dargestellt und bewertet wird. Es existiert in der Wissensvermittlung keine Objektivität in der Geschichte.“ (S. 103)

Nach einer präzisen Einführung und Definition grundlegender Begriffe betrachtet Souchon das „kriegerische Werden Europas“ und schlägt einen Bogen bis hin zur Zerstörung der europäischen Friedensordnung durch Russland. Souchon bringt dabei immer wieder seine Verwunderung über den Optimismus der „westlichen Staaten“ zum Ausdruck und zieht ernüchternde Schlussfolgerungen, die sich u. a. in den folgenden Zitaten spiegelt:

Der deutschen Sicherheitspolitik fehlt ein klarer Sicherheitskompass.“ (S. 23)

oder

In der russischen Nationalen Sicherheitsstrategie spielt Europa keine Rolle im Konzert der Großmächte.“ (S. 91).

Dieser Zustand wird sich, so die Befürchtung von Lennart Souchon, u.a. wegen jahrzehntelanger gepflegter Naivität im Umgang mit „lupenreinen Demokraten“ so schnell auch nicht ändern. Er vermisst daher echte Strategen mit Weitblick und der Fähigkeit, aus sorgfältiger Analyse gewonnener Erkenntnisse Handlungsempfehlungen abzuleiten und zu vertreten. Er erwartet nicht, dass im Sinne von Clausewitz ausgebildete Strategen auf absehbare Zeit einsatzfähig sein werden und ordnet deren Fehlen als zentralen Fehler der derzeitigen Ausbildungspraxis der Führungsakademie der Bundeswehr zu:

Dieser Zustand [der logischen Intransparenz] ist in der deutschen General- und Admiralstabsausbildung an der Führungsakademie der Bundeswehr zu erkennen, welche die Ausbildung von professionellen Führungsgehilfen und nicht von zukünftigen Strategen zum Ziel hat.“ (präzise zusammengefasst bereits auf S. 27)

Lennart Souchon schließt sein Werk mit einem Epilog, in dem er für längerfristiges, strategisches Denken und Handeln wirbt.

Das Buch ist wegen seines fast universellen Anspruchs für sämtliche Entscheidungsträger in Militär, Politik, Verwaltung und Wirtschaft wichtig. Es ist aber auch für diejenigen ein Muss, die wissen wollen, wie die europäische Sicherheitsarchitektur als jahrzehntelangem Friedensgarant an einen Punkt gelangt ist, an dem sich alle zu Recht Sorgen machen (sollten).

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